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„Mach mal keine Judenaktion“: Antisemitismus an Schulen wirksam begegnen

Antisemitismus ist in der vergangenen Zeit in der Öffentlichkeit verstärkt sichtbar geworden: Wiederholte Angriffe auf jüdische Kinder und Jugendliche zeigen, dass es an vielen deutschen Schulen ein Problem gibt. „Du Jude“ ist 73 Jahre nach dem Holocaust ein auf Pausenhöfen und in Klassenzimmern häufig benutztes Schimpfwort. Zudem herrscht in den Lehrerzimmern häufig Unwissen über Antisemitismus unter Schülerinnen und Schülern vor – oder das Thema wird bagatellisiert, manchmal sogar toleriert. Für das Thema sensibilisierte Pädagoginnen und Pädagogen hingegen fühlen sich oft überfordert und allein gelassen. Diese sind nur einige Ergebnisse der aktuellen Studie „,Mach mal keine Judenaktion!‘: Herausforderungen und Lösungsansätze in der professionellen Bildungs- und Sozialarbeit gegen Antisemitismus“. Durchgeführt hat sie die Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Julia Bernstein vom Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS). Die 17-monatige sozialwissenschaftliche qualitative Untersuchung folgte der Frage, wie Jüdinnen und Juden Antisemitismus in Schulen erfahren und wie Lehrerinnen und Lehrer mit Antisemitismus umgehen.

Für die Studie führten die Wissenschaftler/-innen deutschlandweit 227 Interviews an 171 Schulen mit jüdischen Schülerinnen und Schülern, deren Eltern, mit jüdischen und nichtjüdischen Lehrkräften sowie mit Fachleuten aus der Sozialarbeit und aus Bildungsorganisationen. Es ist die erste empirische Studie zum Antisemitismus im schulischen Bereich, die den Blick nicht von außen richtet, sondern die Perspektiven von Jüdinnen und Juden in den Vordergrund stellt. Der Fokus lag aber nicht ausschließlich auf den Erfahrungen von Betroffenen, sondern bezog verschiedene Akteure schulischer Bildung ein. Daraus haben sich drei inhaltliche Problemschwerpunkte des Antisemitismus an Schulen herauskristallisiert:

1. Antisemitismus in Bezug auf Israel ist unter Schülerinnen und Schülern und Lehrkräften normalisiert. Er manifestiert sich als sogenannte „Israelkritik“, die oft Aggressivität und Hass gegen Juden verbirgt. Israel wird laut Bernstein „zum ,Juden unten den Staaten‘, er wird dämonisiert, und die jüdischen Schüler und Schülerinnen werden als Repräsentanten des Staates verhasst.“
2. Antisemitismus wird nicht als Phänomen eigener Art wahrgenommen. Oftmals wird er als Rassismus missverstanden. Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede werden oft nicht verstanden.
3. Der gegenwärtige Antisemitismus artikuliert sich häufig in Bezugnahmen auf den nationalsozialistischen Antisemitismus und die Shoah. Es zeichnet sich eine deutliche Kontinuität des Antisemitismus ab. „Die Dimension der Nutzung nationalsozialistischer Symbolik unter Jugendlichen sowie auch an Jüdinnen und Juden gerichtete Vernichtungsphantasien in direkter Bezugnahme auf die Shoah haben uns überrascht", sagt Bernstein. Die Präsentation von Hitlergruß und Hakenkreuz sowie Sprüche über Gas und Vergasung seien in hohem Ausmaß enttabuisiert.

Der gesamte Forschungsbericht ist hier einzusehen: www.frankfurt-university.de/antisemitismus-schule

Das Team um Prof. Dr. Julia Bernstein hat den Untersuchungsort Schule bewusst gewählt: „Die Schule ist ein Mikrokosmos. Gesamtgesellschaftliche Phänomene bilden sich in der Institution Schule und im Habitus ihrer Akteurinnen und Akteure wie unter einem Brennglas ab. Das gilt auch für Antisemitismus“, so Bernstein. Antisemitismus beginne nicht erst dann, wenn jüdische Schülerinnen und Schüler bedroht würden oder Gewalt erführen. „Solche Angriffe stellen nur die Spitze einer Stufenleiter der Ausdrucksformen des Antisemitismus in Schulen dar“, stellt die Soziologin klar. „Die Ergebnisse unserer Untersuchungen belegen, dass jüdische Kinder und Jugendliche im Schulalltag mit Antisemitismus in verschiedenen Erscheinungs- und Ausdrucksformen konfrontiert sind. Sie sind nicht nur verschiedenen antisemitischen Stereotypen, Vorurteilen und Anfeindungen ausgesetzt, sondern auch oft einer feindseligen Atmosphäre, die einen selbstverständlichen, offenen Umgang mit ihren jüdischen Identitäten erschwert, wenn nicht gar verhindert.“ Laut Bernstein gehen Artikulation von Antisemitismus und Anfeindungen nicht ausschließlich von der Schülerschaft, sondern teils auch von Lehrkräften aus. Die Betroffenen stießen oft auf Unverständnis bei Teilen des Kollegiums und blieben mit ihren Antisemitismuserfahrungen, auch mit Bedrohungen und Angriffen, häufig allein. Diese Erfahrungen finden sich nach den Berichten der Interviewten in unterschiedlichen Schulformen, Klassenstufen und Orten in ganz Deutschland wieder.

Die Studie schlüsselt die Erlebnisberichte aus drei Perspektiven auf: die der jüdischen Schüler/-innen, die der nicht-jüdischen Lehrkräfte und die der jüdischen Lehrkräfte:

Die Perspektiven der jüdischen Schüler/-innen
Antisemitismus ist an deutschen Schulen Normalität, Sätze wie „Mach mal keine Judenaktion“ oder „Deine Mutter ist doch Jude“ sind gebräuchlich. Jüdische Schüler/-innen erleben subtile Anmerkungen, diffuse Ablehnung, offenen Hass und auch Gewalt. Die offene Selbstpräsentation als Jüdin/Jude in der Schule birgt die Gefahr, antisemitischen Angriffen ausgesetzt zu sein. Dies reicht von Bloßstellungen als Jüdin/Jude – einem Betroffenen wurde in den ersten Tagen an einer neuen Schule ein Zettel mit der Aufschrift „Jude“ auf den Rücken geklebt, und niemand machte ihn während des ganzen Schultags darauf aufmerksam – über Zurückweisungen durch Freunde und Judenwitze bis hin zu physischen Angriffen. Viele jüdische Schüler/-innen gehen deshalb aus Angst vor Antisemitismus nicht offen mit ihrer jüdischen Identität um. Antisemitische Anfeindungen gehen von Schülergruppen jeden Alters und jeder Schulform aus. Die Betroffenen stoßen oft auf Unverständnis bei Lehrkräften und bleiben mit ihren Antisemitismuserfahrungen, auch mit Bedrohungen und Angriffen, häufig allein.

Die Perspektiven der Lehrkräfte
Es lassen sich folgende wesentliche Problemfelder rekonstruieren: Antisemitische Verschwörungstheorien sind unter der Schülerschaft weit verbreitet, Lehrer/-innen haben Schwierigkeiten im Umgang damit. Die falsche Wahrnehmung des Antisemitismus als ausschließliches Problem muslimischer Schüler/-innen von manchen Lehrerinnen und Lehrern führe zudem dazu, dass Antisemitismus anderer Gruppen an Schulen oftmals nicht adäquat problematisiert wird. „Bei Lehrerinnen und Lehrern, die sich gegen Antisemitismus engagieren, fällt auf, dass sie oftmals überfordert sind: Auch fehlt ihnen oft die Kompetenz zur professionellen Intervention und die strukturelle Unterstützung der Institution Schule“, so Bernstein. Zudem werde auch in den Berichten der Lehrkräfte deutlich, dass sie zum Teil antisemitische Stereotype und Weltanschauungen verinnerlicht hätten und selbst in die Klassenzimmer trügen. Überdies zeigten sich laut den Studienautorinnen und -autoren gravierende Defizite in der Thematisierung des Nahostkonflikts im Unterricht und im Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus. „Im Kontrast dazu haben wir festgestellt, dass viele Lehrerinnen und Lehrer keinen Bedarf für Weiterbildungen im Bereich Antisemitismus sehen, bzw. Weiterbildungsangebote nicht in Anspruch nehmen“, so Bernstein.

Die Perspektiven der jüdischen Lehrkräfte
Viele jüdische Lehrkräfte berichten davon, dass sie als offen auftretende religiöse Jüdinnen und Juden sowohl von der Schulleitung als auch im Kollegium Benachteiligungen, teils sogar Anfeindungen erfahren haben. „Manche jüdischen Lehrkräfte bezeichnen einen offenen Umgang mit ihrer jüdischen Identität als ,Outing‘“, so Bernstein. „Viele von ihnen möchten, dass ihre jüdische Identität im Kollegium und in der Schülerschaft nicht bekannt wird.“ Auch jüdische Lehrkräfte seien mit antisemitischen Anfeindungen aus der Schülerschaft konfrontiert. Diese reichten von Beleidigungen bis hin zu Bedrohungen. Auch Kolleginnen und Kollegen äußerten ihnen gegenüber teils antisemitische Stereotype und Vorurteile. Jüdische Lehrkräfte, die ein großes Engagement gegen Antisemitismus unter Schülerinnen und Schülern zeigten, blieben oft auf sich allein gestellt und erführen keine Unterstützung vom Kollegium.

Handlungsempfehlungen
Auf Grundlage der Forschungsbefunde formulieren die Wissenschaftler/-innen abschließend Handlungsempfehlungen für Lehrer/-innen – in dem Bewusstsein, dass es pauschale Handlungsrezepte zum pädagogischen Umgang mit Antisemitismus nicht gibt. „Es bedarf verschiedener Handlungsstrategien, die neben dem Wissen über Antisemitismus auf pädagogischen Kompetenzen und der Bereitschaft beruhen, jeder antisemitischen Äußerung entgegenzuwirken“, so Bernstein. Jede Manifestation des Antisemitismus müsse eine pädagogische oder disziplinarische Reaktion nach sich ziehen. Überdies sei es wichtig, präventiv zu arbeiten, um Fragmenten antisemitischer Weltanschauung und Ressentiments unter Schülerinnen und Schülern zu begegnen und antisemitische Angriffe zu verhindern. Bernstein betont: „Es gibt keinen harmlosen Antisemitismus.“
Der 400 Seiten umfassende Bericht, der auch zwei externe Beiträge von Marina Cherivsky, der Leiterin des Kompetenzzentrums für Prävention und Empowerment der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland enthält, erscheint zunächst online. Eine gedruckte Version ist geplant. Die Handlungsempfehlungen, denen ein ganzes Kapitel gewidmet ist, sollen ebenfalls als Broschüre für Lehrkräfte und Sozialarbeiter/-innen erscheinen. Verschiedene Quiz zu den Themen Antisemitismus, Judentum und jüdische Lebenswelten in Deutschland dienen den Leserinnen und Lesern zur Überprüfung des eigenen Wissensstands und zur Reflexion eigener Wahrnehmungsmuster.
Die Kooperationspartner der Arbeitsgruppe um Bernstein – das Kompetenzzentrum in Berlin, die Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main sowie das Pädagogische Zentrum des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt am Main – bieten für Lehrkräfte hilfreiche Weiterbildungen an. Zudem gibt es zum Projekt „Mach doch keine Judenaktion" eine Internetseite, auf der Interessierte nicht nur die Forschungsergebnisse vorfinden, sondern auch Informationen, Quiz und Texte, die zur Selbstreflexion einladen sollen: www.handlungskofferantisemitismus.org

Kontakt:

Frankfurt University of Applied Sciences
Fachbereich 4: Soziale Arbeit und Gesundheit
Prof. Dr. Julia Bernstein
bernstein.julia(at)fb4.fra-uas.remove-this.de


Die Forschungsbefunde der vorliegenden Studie schließen an die Ergebnisse der 2017 veröffentlichten Untersuchung „Jüdische Perspektiven auf Antisemitismus in Deutschland“ an, die systematische Befragungen von Jüdinnen und Juden zu ihren Wahrnehmungen, Interpretationen und Bewertungen des Antisemitismus dokumentiert. Erstellt wurde sie von einer Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Julia Bernstein gemeinsam mit Prof. Dr. Andreas Zick, Dr. Andreas Hövermann und Silke Jensen vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld im Auftrag des „Zweiten Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus“ des Deutschen Bundestages:
Bernstein, Julia, Hövermann, Andreas, Jensen, Silke, Zick, Andreas: Jüdische Perspektiven auf Antisemitismus in Deutschland. Ein Studienbericht für den Expertenrat Antisemitismus. Bielefeld 2017. 88 Seiten.
Die gesamte Studie ist nachzulesen unter: www.frankfurt-university.de/antisemitismus-2017

Weitere Informationen zum Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Frankfurt UAS unter www.frankfurt-university.de/fb4.

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Zentrale WebredaktionID: 2461
letzte Änderung: 22.08.2018