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Vorbildliche Vorlesungsreihe zum Kinderschutz ausgezeichnet

Frankfurt UAS und Kinderschutzambulanz am Universitätsklinikum der Goethe-Universität Frankfurt erhalten HanseMerkur Preis für Kinderschutz 2018 (Anerkennungspreis) für das „Frankfurter Modell: Kinderschutz in der Lehre“

Es muss für Prof. Dr. Maud Zitelmann von der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS) ein entscheidender Moment in ihrer wissenschaftlichen Laufbahn gewesen sein: Eine Absolventin der Hochschule wird angeklagt, für den Tod eines Kleinkindes mit-verantwortlich zu sein – nur wenige Monate nach Abschluss ihres Studiums. Sie war als Sozialarbeiterin beim Jugendamt in Wetzlar tätig. Ihr Ziel: die Welt für Kinder zu einer besseren zu machen. Doch dann wurde sie beschuldigt, die Kennzeichen schwerer Kindesmisshandlung von Siri, die im Alter von nur acht Monaten starb, nicht erkannt zu haben. Nach zwei Jahren folgte der Freispruch für die Berufsanfängerin. Experten bezeugten, dass geschulte Sozialarbeiter die Zeichen der Kindesmisshandlung hätten erkennen können, nicht jedoch eine junge, unerfahrene Jugendamtsmitarbeiterin, die in ihrem Studium der Sozialarbeit weder auf den Themenkomplex Kinderschutz vorbereitet wurde, noch medizinischen Kenntnisse erwerben konnte.

Zitelmann, heute Professorin für Jugendhilfe und Kinderschutz, wurde durch diesen Vorfall deutlich, dass Kinderschutz in das Hochschulstudium integriert und interdisziplinär gelehrt werden muss. „Ausbildungsdefizite“, so folgert sie aus der bitteren Erfahrung rund um den Fall der kleinen Siri, „können bei jenen Menschen, die im Kinderschutz arbeiten, zu schweren fachlichen Fehlern führen, die nie wieder gut zu machen sind – bis hin zum vorhersehbaren, qualvollen Tod.“ Schnell fand Prof. Zitelmann Mitstreiter an unserer Hochschule und an der Goethe-Universität Frankfurt aus den Bereichen Medizin, Psychologie, Rechtswissenschaften und Forensik. Gemeinsam entwickelten sie das „Frankfurter Modell: Kinderschutz in der Lehre“, für welches sie nun mit dem Preis für Kinderschutz der HanseMerkur (Anerkennungspreis) ausgezeichnet wurde. Dieser ist mit 10.000 Euro dotiert.

„Mit Prof. Dr. Maud Zitelmann wird eine der deutschen Verfechterinnen des Kinderschutzes ausgezeichnet. Wir freuen uns außerordentlich, dass unsere Bestrebungen, angehende Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter bestmöglich auf ihre berufliche Praxis vorzubereiten – in Person von Prof. Dr.  Zitelmann – gewürdigt werden. Uns ist es ein enorm wichtiges Anliegen, dass unsere Absolventinnen und Absolventen, die beispielsweise in Jugendämtern arbeiten, Kindswohlgefährdung frühestmöglich erkennen und entsprechende Maßnahmen ergreifen. Nur wenn wir sie von Anfang an sensibilisieren und schulen, können wir den vielen Kindern helfen, die diesen Schutz dringend benötigen“, erklärt Präsident Prof. Dr. Frank E.P. Dievernich. „Dank Frau Zitelmanns enormem Engagement findet an unserer Hochschule seit 2012 der Kinderschutzfachtag statt, der seit 2015 als Pflichtveranstaltung im Bachelor-Studiengang Soziale Arbeit fester Bestandteil der Ausbildung ist. Zusammen mit zusätzlichen Wahlmodulen ist Zitelmann in diesem Studiengang eine nachhaltige Verankerung des Kinderschutzes gelungen. Mit dem bundesweit einmaligen Frankfurter Modell Kinderschutz in der Lehre bieten wir unseren Studierenden zudem gemeinsam mit der Goethe-Universität eine interdisziplinäre Vorlesungsreihe an, die anhand konkreter Fallbeispiele aus Sicht verschiedener Berufsgruppen und Disziplinen die Wahrnehmung und ein menschlich wie fachlich reflektiertes Vorgehen in Fällen der Kindesmisshandlung ermöglichen soll. Und auch hier war und ist Frau Zitelmann aus unserem Hause federführend.“

Zudem gibt es seit 2010 an der Frankfurter Uniklinik eine Kinderschutzambulanz, die 24 Stunden am Tag geöffnet ist. Fachkräfte aus den verschiedensten Bereichen können bei Bedarf hinzugezogen werden, damit Verdachtsfälle schnell, fachübergreifend und kompetent untersucht und alle notwendigen Schritte zum Schutz des Kindes in die Wege geleitet werden können. Doch nur durch das hohe persönliche Engagement kann dieses Angebot aufrecht-erhalten werden. „Mitstreiter und Sponsoren werden dringend gesucht“, so Prof. Maud Zitelmann.

Die Initiatoren der Vorlesungsreihe wissen, wie wichtig es ist, diese Bilder schon im Studium zu sehen, um die Täter später entlarven zu können, denn die Summe der Ausreden der Eltern, die Kinder misshandeln, ist groß: „das war ein Unfall“; „es ist beim Spielen passiert“; „das Kind ist gestolpert“ oder  „nachts aus dem Bett gestürzt“. Gerne ist ein Biss der Geschwisterkinder die Ursache für Verletzungen. Doch der Drehbruch eines Armes in jungen Jahren ist ebenso wenig einer zufälligen Verletzung zuzuordnen, wie ein Schüttel-trauma mit massiven Hirnblutungen. Dr. Bartels erklärt, klärt auf und macht den Anwesenden der Vorlesungsreihe Mut, die Kinderschutzambulanz bei Verdachtsfällen hinzuzuziehen.

Auch Zitelmann weiß, dass in Deutschland das Elternrecht ein hohes Gut ist. Aber dieses Recht endet dort, wo Eltern das Kind ängstigen oder verletzen, anstatt seine Bedürfnisse zu erfüllen: „Diese Eltern brauchen Hilfe zur Anerkennung ihres Scheiterns, statt weitere zum Scheitern verurteilte Hilfen. Diese traumatisch belasteten Kinder haben das Recht auf eine neue, befriedigende Eltern-Kind-Beziehung. Keinem Trauma-Therapeuten würde es einfallen, das Opfer immer wieder mit seinem Peiniger zu konfrontieren, um die Aufarbeitung dieser Erfahrung zu ermöglichen. Im Gegenteil. Die Aufarbeitung von Gewalt- und Leiderfahrung ist ohne eine sichere Distanz zum Täter und ohne einen Beistand nicht möglich“, führt Prof. Zitelmann aus.

Wie notwendig die Kinderschutzambulanz und die Vorlesungsreihe des „Frankfurter Modells“ sind, zeigen aktuelle Zahlen des Bundeskriminalamts. Im Jahre 2018 starben 136 Kinder unter vierzehn Jahren durch die Folgen von Körperverletzung, Mord- oder Totschlagsdelikte. 98 Kinder unter 14 Jahren überlebten Mord- und Tötungsversuche. 4.180 Jungen und Mädchen waren Opfer von Misshandlungen. Im Bereich sexualisierter Gewalt wurden bundesweit 14.606 Opfer registriert. Hinzu kommen die vielen Fälle, die nicht angezeigt wurden.

Kontakt
Prof. Dr. Maud Zitelmann
Tel.: +49 69 1533-2651
E-Mail: zitelma@fb4.fra-uas.de

Zentrale WebredaktionID: 3672
letzte Änderung: 05.06.2018