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Bezeichnender Vortrag über das Leben von Frauen in Afghanistan

Am 18. Mai 2019 sprach die afghanische Frauenrechtlerin und Friedensaktivistin Jamila Afghani Im Rahmen des Studium-Generale-Moduls "Politik, Recht und Wirtschaft in Staaten mit islamischen Rechtstraditionen" an unserer Hochschule über Frauenrechte und den Friedensprozess in Afghanistan. Die Veranstaltung wurde durch das Programm Perspektivwechsel des International Office (IO) der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS) ermöglicht und von Dr. Timo Tohipidor, Lehrbeauftragter am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit, koordiniert.

Jamila Afghani ist die Direktorin von Medica Afghanistan, einer Organisation, die vor Ort rechtliche und psychosoziale Beratung für Frauen mit Gewalterfahrung anbietet, und eine der wenigen Frauen, die die Zivilgesellschaft in der ‚Peace Loya Jirga‘, der großen Friedensversammlung, vertreten.

In Ihrem Vortrag ging Afghani auf die derzeitige Situation in Afghanistan ein: Derzeit kontrollieren die Taliban wieder fast 60 Prozent des Landes; von Januar bis September 2018 wurden mindestens 2.798 Zivilisten getötet und mehr als 5.000 weitere verletzt. Die jüngste von Gallup im Juli durchgeführte Umfrage ergab ein auffallend niedriges Maß an Zuversicht in der afghanischen Bevölkerung: Afghan*innen bewerten ihr eigenes Leben so schlecht wie keine andere befragte Bevölkerung. Besonders negativ ist nach wie vor die Situation von Frauen: 85 Prozent seien Analphabetinnen; ihre Lebenserwartung läge bei durchschnittlich 51 Jahren. Etwa 6 von 10 Kindern würden vor ihrem 5. Geburtstag sterben. In Anbetracht der großen Armut der Familien würden viele junge Mädchen wieder früh – und mit sehr viel älteren Männern – verheiratet. Nach Schätzungen von Aktivistinnen würde etwa die Hälfte der Mädchen schon vor ihrem 12.Geburtstag verlobt oder verheiratet – nicht selten, um Schulden der Familie zu tilgen, Streitigkeiten beizulegen oder schlicht, Kosten zu vermeiden. Entsprechend hoch sei die Quote häuslicher Gewalt und von Selbstmorden unter Frauen. Afghani bezeichnete Afghanistan als den vielleicht schlechtesten Ort der Welt, um Frau zu sein. Daran habe auch all die internationale Förderung wenig geändert: In einer internen Evaluation sei das 280-Millionen-Förderprogramm der amerikanischen Entwicklungshilfeorganisation ‚USAID‘, das größte Einzelprogramm zur Förderung von Frauenrechten jemals, als Misserfolg und Verschwendung von Steuergeldern bezeichnet worden.

Auch in Afghanistan sei der alte Fehler der Entwicklungszusammenarbeit wiederholt worden, mit und unter Männern zu verhandeln. Die Beteiligung von Frauen, auch an internationalen Verhandlungen, sei gering geblieben. Jüngstes Beispiel seien die Friedensverhandlungen: Obwohl aus internationalen Studien bekannt sei, dass Friedensverhandlungen, in die Frauen einbezogen seien, zu besseren und nachhaltigeren Ergebnissen führen, seien Frauen von den Friedensverhandlungen in Afghanistan faktisch ausgeschlossen (obwohl sie die Hauptbetroffenen der Konflikte seien). An den 7 Gesprächsrunden, die der amerikanische Abgesandte Zalmai Khalilzad (unter Ausschluss der afghanischen Regierung) mit den Taliban geführt habe, seien unter etwa 500 Delegierten 2 Frauen gewesen. Bei den 23 Gesprächsrunden zwischen 2005 und 2014 seien nur zweimal afghanische Frauen direkt am Verhandlungstisch vertreten gewesen. Diese mangelnde Ernsthaftigkeit der internationalen Verhandler beschäftigte auch die Studierenden in ihren Nachfragen: für sie war neu und überraschend, dass ein Krieg, der – vorgeblich – zur Durchsetzung von Frauenrechten geführt worden war, so wenig Spuren hinterlassen habe. Dabei, so Afghani, habe es auch andere Beispiele gegeben: so hätten dem afghanischen ‚Hohen Friedensrat‘ im Jahr 2010 neun Frauen (von 70 Mitgliedern) angehört, darunter zwei im Exekutivausschuss. Sie hätten umfassendere Kommunikationsnetzwerke mit Frauengruppen und der Zivilgesellschaft aufgebaut und regionale Friedensräte etabliert. Ihre Forderung lautete deshalb, dass Deutschland und Europa, sich auf die Seite afghanischer Frauen stellen sollten.

Daran schloss sich die Diskussion an, warum die Situation in Afghanistan, an deren Entstehung maßgeblich mit beteiligt war, nicht zu einer stärkeren Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit führt, warum die Abschiebung von Geflüchteten nach Afghanistan ein dominanteres Thema ist als die Verbesserung der Lage der Zivilbevölkerung, warum der Konflikt vor allem als Aufgabe der Bundeswehr erscheint – und nicht als Verantwortung aller Deutscher in deren Namen die Bundeswehr in Afghanistan ist.

Zentrale WebredaktionID: 3670
letzte Änderung: 13.04.2018