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Arbeiten im Maßstab 1:1

Studierende des Fb 1 bauen auf dem Campus eine Lehmwand und einen Ziegelsteinbogen.

Im Rahmen der Vorlesung und der Übungen im Zeichensaal bleibt das Entwerfen und Konstruieren abstrakte Materie. Das „Machen“ und der Erkenntnisprozess, der aus dem Bearbeiten des Materials, der Form und des Raumes mit den Händen entsteht, fehlen dabei. Beides, der analoge und der digitale Prozess, das Arbeiten mit den Händen und das Denken in der abstrakten Zeichnung, sind aber wichtige Wege der Auseinandersetzung mit Material, Ort und Raum, die nur gemeinsam den Erkenntnisprozess vervollständigen. Der Prozess des Zusammenfügens des Materials ist dabei eine grundlegende Komponente der Architektur und braucht das Bewusstsein, dass daraus eine Wand, eine Stütze ein Raum werden soll.

Vor diesem Hintergrund wurde ein weiteres Format in die Baukonstruktionslehre am Fb 1 eingeführt, das Arbeiten am 1:1 Modell. Im ersten Semester Baukonstruktion im Bachelor-Studiengang Architektur wurde dazu eine kleine Entwurfsaufgabe gestellt, bei der Bedingung ist, dass alle Wandkonstruktionen ausschließlich als Stampflehmwand oder mit einem festgelegten Ziegelsteinformat konstruiert werden müssen. Auch die Kombination beider Materialien ist möglich.

Mit Studierenden des ersten Semesters Baukonstruktion im Wintersemester 2019/20 entsteht nun auf dem Campus eine Stampflehmwand mit einer Öffnung, die mit einem gemauerten Ziegelsteinbogen überspannt wird.  Der Bogen überbaut eine Öffnung von 2,5 m, und wird mit einem Profil von 49 x 62,5 cm ausgeführt. Im ersten Schritt wurden dazu die Widerlager, zwei Stampflehmwände mit einer Stärke von 60 cm hergestellt. Die Lehmschichten werden mit einer Höhe von 12 cm eingebracht und in jeder Lage sorgfältig verdichtet. Den Bogen mauern die Studierenden mit den eigenen Händen und lernen dabei die Gesetzmäßigkeit eines Mauerwerksverbandes und die daraus folgende notwendige Maßhaltigkeit kennen. In einem dritten Schritt werden weitere Lehmschichten aufgebracht, die den Bogen überdecken werden. Ein Schutzdach wird die fertige Konstruktion vor der Witterung schützen.

Nach der Fertigstellung der Wand wird die tragende Schalung unter dem Bogen herausgeschlagen und der spannende Moment erlebt, in dem sich die Kräfte umkehren und die Bogenkonstruktion aus Ziegelmauerwerk mit 1,8 Tonnen Gewicht sich von einem Moment zum nächsten frei tragend in den Auflagern der Stampflehmwand abstützt.

Das Bauen mit Lehm gehört zu den grundlegenden Formen des Bauens. Den Lehm mit Händen und Füßen zu bearbeiten und daraus eine Wand zu formen, zu konstruieren, erinnert an die Anfänge der Architektur. Das Bearbeiten des Lehms, das Stampfen der Schichten in der Schalung ist außerdem eine Gemeinschaftserfahrung. Das Ergebnis, eine Wand aus einer Vielzahl von Schichten, lebt von der Struktur und Farbe der Erde die verwendet wird. Die Erscheinung der Wand zeigt unmittelbar den Entstehungsprozess zusammen mit den Eigenschaften des Materials. Eine Stampflehmwand verfügt außerdem über hervorragende bauphysikalische Eigenschaften. Kaum ein anderes Baumaterial kann in gleichem Maß Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben, was gute Voraussetzungen für ein gutes Raumklima sind.

Der Ziegelstein dagegen steht für das Modulare allen Bauens. Unabhängig von der Bauweise, dem Material, dem Fügungsprinzip setzt sich das Ganze der Architektur immer aus Teilen zusammen, die durch ihre Beschaffenheit, ihre Struktur und Größenordnung das Denken in Modulen erfordern. Der Ziegelstein macht dies sehr gut anschaulich. Aus der Zusammensetzung einzelner Steine wird die Wand, ein Bogen, der Raum. Die Kraft und Sinnlichkeit des Materials können durch das Zeichnen allein nicht vermittelt werden. Es braucht die unmittelbare Erfahrung mit dem Material. Wand und Öffnung, von dem Ziegelsteinbogen überspannt, vereint die Sinnlichkeit des Materials, mit dem Prinzip der Fügung und der Idee des Raums.

Das eigenständige Bauen ist eine fundamentale Erfahrung, kommen doch mit diesem Akt die Sinnlichkeit des Materials, die Gestalt von Wand und Öffnung und die Logik des Tragwerks am realen Ort zusammen. Warum sich ein Ziegelstein wünscht, ein Bogen zu sein, wie es Louis Kahn, US-amerikanischer Architekt, Stadtplaner und Hochschullehrer,  formuliert hat, kann hier sehr unmittelbar nachvollzogen werden.

Zentrale WebredaktionID: 3724
letzte Änderung: 13.04.2018