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Israelbezogenem Antisemitismus im Schulalltag wirksam begegnen

Legitime Kritik oder Judenhass: Soziologin Prof. Dr. Julia Bernstein von der Frankfurt UAS veröffentlicht Orientierungshilfe für pädagogische Praxis

Frankfurt am Main, 14. April 2021. Die Zahl judenfeindlicher Angriffe in Deutschland hat 2020 einen neuen Höchststand erreicht, seitdem die Polizei das Erfassungssystem „Politisch Motivierte Kriminalität (PMK)“ im Jahr 2001 eingeführt hat. Um Antisemitismus wirksam zu begegnen, muss bereits in Schulen und Jugendeinrichtungen Aufklärungsarbeit geleistet werden, fordert die Soziologin Prof. Dr. Julia Bernstein. Die Wissenschaftlerin vom Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS) forscht seit längerem zum Thema Antisemitismus in der Schule.1  Sie betrachtet den als „Israelkritik“ getarnten Antisemitismus als gesellschaftliches Problem, das ihren Forschungsbefunden zufolge auch das Kernproblem des pädagogischen Umgangs mit Antisemitismus ist. „Antisemitismus manifestiert sich heute häufig mit einem Israelbezug und wird in dieser Form von vielen Lehrkräften nicht als Problem wahrgenommen oder gar als vermeintlich legitime Kritik verharmlost“, so Bernstein. „In der Folge sind viele Schulen zu Orten geworden, an denen Antisemitismus nicht angemessen entgegengewirkt wird.“
Wie lässt sich legitime Kritik an der israelischen Politik von Antisemitismus abgrenzen, wo lauern Fallstricke, wie lassen sich verbreitete Mythen und Stereotype demaskieren? In ihrer neuen Publikation, die sich als Orientierungshilfe für die pädagogische Praxis versteht, beleuchtet Bernstein das Phänomen des israelbezogenen Antisemitismus und stellt diesem konkrete Handlungsempfehlungen und Argumentationshilfen entgegen. Vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion um die Definition des Antisemitismus verweist Prof. Dr. Bernstein darauf, dass für sie die vom deutschen Bundestag empfohlene Definition der IHRA (International Holocaust Remembrance Alliance) maßgeblich ist. Sie kritisiert überdies wiederkehrende Versuche, mit ihrer Kritik aufgrund einer unterstellten Schwäche hinsichtlich des israelbezogenen Antisemitismus ausgerechnet die dominierende Erscheinungsform des Antisemitismus in der Gegenwart zur Diskussion zu stellen und damit den Fokus weg vom Antisemitismus als gesellschaftliches Problem und Bedrohung für Juden zu lenken.

„In der Wahrnehmung und Bewertung Israels und des Nahostkonflikts finden seit Jahrhunderten tradierte antisemitische Feindbilder einen Ausdruck“, so Bernstein. Darüber hinaus werde Israel der Verletzung konsensueller Werte schuldig gesprochen und dem gleichgesetzt, was – wie das nationalsozialistische Deutschland oder die Apartheid in Südafrika –  als Verbrechensregime und anerkannter Ausdruck der Menschenverachtung geächtet ist. „All dies zielt auf die Delegitimierung des jüdischen Staats ab. Es schafft auch eine feindselige Kulisse für Jüdinnen und Juden in Deutschland, werden diese doch häufig als Stellvertreter/-innen Israels wahrgenommen, beleidigt oder gar angegriffen“, sagt die Soziologin. Nach dem Holocaust habe der Antisemitismus in der Öffentlichkeit einer Ächtung unterlegen, die inzwischen mit dem Israelbezug unterlaufen werde. Israelbezogener Antisemitismus werde als „Kritik“ legitimiert und häufig im Spektrum des Meinungspluralismus im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt verortet. Der Verweis auf diesen quasi getarnten Antisemitismus wird laut Bernstein in Folge als vermeintlicher Versuch gewertet, ,legitime Kritik‘ zu diskreditieren.

Diese gesellschaftliche Kulisse prägt auch den pädagogischen Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus, wie er sich vordringlich in der Schule als eklatantes Problem zeigt. „Er wird von manchen Lehrerinnen und Lehrern nicht nur ignoriert, er wird mitunter von ihnen selbst in die Klassen getragen“, so Bernstein. Während er sich unter Schülerinnen und Schülern aggressiv als „Israelhass“ zeigt, vermeinen einige Lehrkräfte, legitime Kritik an der Politik Israels zu üben. Bernstein: „Somit wird Antisemitismus wieder sagbar gemacht.“ Für jüdische Kinder und Jugendliche entsteht dadurch eine feindselige Atmosphäre, werden sie doch von ihren Mitschülerinnen und -schülern verbal oder physisch angegriffen. Die verbalen Angriffe werden von ihren Lehrkräften zum Teil gebilligt und häufig nicht wahrgenommen.
Mit dieser verzerrten und bagatellisierenden Problemwahrnehmung ist nach Bernsteins Überzeugung der pädagogische Umgang mit Antisemitismus verstellt. Doch auch problembewusste Lehrkräfte geraten häufig an ihre Grenzen, denn ihnen fehlt mitunter das Wissen über den Antisemitismus als Phänomen eigener Art. Hier setzt die Sozialwissenschaftlerin in ihrem Buch an. Sie erklärt, anhand welcher Kriterien israelbezogener Antisemitismus erkannt werden kann und wie er als Phänomen im Kontext des Nahostkonflikts zu verstehen ist. Dabei zeigt sie auf, wie Antisemitismus jahrhundertealte antisemitische Feindbilder zeitgemäß anpasst und diese auf den jüdischen Staat überträgt. Sie stellt Lehrkräften einen Ansatz zur Verfügung, entlang von Bildervergleichen und -analysen Schülerinnen und Schülern diese Kontinuität näherzubringen.

Die Autorin vermittelt Lehrkräften, in welchem Maße vermeintlich israelkritische Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmuster in unterschiedlichen politischen Gruppen in der Institution Schule sowie in der Öffentlichkeit, in den Medien und sozialen Netzwerken normalisiert sind. Dies widerlegt den Irrglauben, „Israelkritik“ werde unterdrückt und sei eigentlich eine Überzeugung weniger Menschen, und befähigt Lehrkräfte, antisemitische Äußerungen in der Klasse in den Zusammenhang zu entsprechenden Forschungsbefunden zu stellen. Bernstein stellt zudem die Grundzüge des Nahostkonflikts dar, um einseitige, verzerrte und dämonisierende Aussagen über das Verhalten Israels als antisemitisch erkennen zu können. Dies bietet Kontextwissen darüber, wie Antisemitismus nicht nur die Wahrnehmung des Nahostkonflikts, sondern diesen selbst prägt. Die Wissenschaftlerin legt den Fokus auch auf die palästinensischen Akteure, ihre Forderungen und deren internationale Wahrnehmung.

Abschließend formuliert Bernstein Handlungsempfehlungen für einen routinierten Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus in der pädagogischen Praxis. Dafür skizziert sie Grundbedingungen wie die Bereitschaft zur Reflexion, um anschließend darzustellen, was in Konfrontation mit antisemitischen Äußerungen und bei Angriffen auf jüdische Kinder oder Jugendliche getan werden kann, um Feindbilder zu widerlegen.

Julia Bernstein: Israelbezogener Antisemitismus. Erkennen – Handeln – Vorbeugen, Verlag Beltz Juventa, 266 Seiten, ISBN: 978-3-7799-6359-2, 29,95 Euro, Erscheinungstermin: 14. April 2021

Kontakt

Frankfurt University of Applied Sciences
Fachbereich 4: Soziale Arbeit und Gesundheit
Prof. Dr. Julia Bernstein
bernstein.julia(at)fb4.fra-uas.remove-this.de


1Die in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) veröffentlichte Lizenzausgabe des Buchs „Antisemitismus an Schulen in Deutschland Befunde – Analysen – Handlungsoptionen“ ist unter folgendem Link zu finden: https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/328689/antisemitismus-an-schulen-in-deutschland.

Der dem Buch zugrunde liegende Forschungsbericht von Prof. Dr. Bernstein et al. „,Mach mal keine Judenaktion!‘: Herausforderungen und Lösungsansätze in der professionellen Bildungs- und Sozialarbeit gegen Antisemitismus“ ist hier nachzulesen:www.frankfurt-university.de/antisemitismus-schule.

Zentrale WebredaktionID: 3724
letzte Änderung: 13.04.2018