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Gender im erlebnispädagogischen Bouldern und Klettern begegnen

Floßbauen, Mountainbiken, Klettern oder Bouldern werden häufig im Zuge erlebnispädagogischer Maßnahmen und Angebote in den Alltag der Heimerziehung oder ambulanter Erziehungshilfen integriert. Neben der ganzheitlichen Beanspruchung der Teilnehmenden, ihrem Herausforderungs- und Wagnischarakter sowie dem Erleben in naturorientierten Settings spielt auch das Geschlecht der Teilnehmenden sowie die geschlechtliche Gruppenzusammensetzung eine wichtige Rolle. Genderdebatten in der Erlebnispädagogik sowie der Jugendhilfe wurden jedoch bislang hauptsächlich programmatisch geführt. Einen Blick auf die tatsächliche alltägliche Praxis liefert Ramona Schneider in ihrer Dissertation mit dem Titel „(Un-)doing gender in den Hilfen zur Erziehung am Beispiel des erlebnispädagogischen Boulderns und Kletterns“, die sie nun erfolgreich verteidigte. Damit ist sie die Erste, die ihre Promotion an der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS) innerhalb eines Promotionszentrums abschließen wird.

Schneider ist ein Beispiel dafür, dass eine Promotion auch ohne einen akademischen Hintergrund der eigenen Familie möglich ist. Unterstützt wurde sie bei ihrer Arbeit sowohl von ihrer Familie als auch mit einem durch die Hochschule vergebenen Promotionsstipendium. Erstbetreut wurde ihre Arbeit von Prof. Dr. Lotte Rose, Professorin für Pädagogik der Kinder- und Jugendarbeit am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Frankfurt UAS.

„Mit ihrer Doktorarbeit liefert Ramona Schneider einen wichtigen Beitrag zur Grundlagenforschung innerhalb der Sozialen Arbeit. Sie zeigt mit ihr deutliche Entwicklungsimpulse für die pädagogische Praxis sowie die Untersuchung von Gender- und Differenzkonstruktionen auf. Wir freuen uns sehr, dass sie die erste Promovendin unserer Hochschule ist, die ihre Doktorarbeit erfolgreich am gemeinsamen Promotionszentrum Soziale Arbeit verteidigt hat“, so Prof. Dr. Susanne Rägle, Vizepräsidentin für Forschung, Weiterbildung, Transfer der Frankfurt UAS.

„Der Blick auf eine erlebnispädagogische Praxis – wie sie in der Jugendhilfe tagtäglich aufgeführt wird – und auf welche Weise und in welchen sozialen Situationen hierbei die Rolle von Geschlecht tatsächlichpraktisch hergestellt und von sozialer Bedeutung wird, blieb bisher aus. Die Trendsportarten Bouldern und Klettern als erlebnispädagogische Medien habe ich gewählt, da ich selbst seit vielen Jahren in diesen Sportarten aktiv bin. Der dabei auf den Körper gerichtete Fokus ließ spannende Geschlechterkonstruktionen erwarten“, erklärt Schneider. „Ziel meiner Studie war es daher, auf Basis von ethnografischen Beobachtungen, Gesprächen und Interviews Prozesse des ‚(un-)doing gender‘ bzw. ‚(un-)doing difference‘ in einem Feld der Jugendhilfe aufzuzeigen und in ihrer sozialen Sinnhaftigkeit zu rekonstruieren.“ Das Konzept „doing gender“ stammt aus der Soziologie und hat zum Ziel, Geschlecht bzw. Geschlechtszugehörigkeit als Ergebnis eines sozialen Prozesses und nicht als feste Eigenschaft oder Merkmal von Individuen zu begreifen. „Undoing gender“ ist hingegen ein Gegenkonzept und beleuchtet, wo und wie Geschlecht für das Handeln sozial irrelevant wird. 

Die Erkenntnisse von Schneiders Studie liefern ein Wissen darüber, wie eine alltägliche erlebnispädagogische Praxis im Kontext der Jugendhilfe von den Akteurinnen und Akteuren interaktiv hervorgebracht und konkret situativ ausgestaltet wird. Zudem ermöglichen die empirischen Erkenntnisse, zu beschreiben, zu verstehen und zu erklären, wie in dieser Praxis Gender als soziale Differenzierungskategorie in sozialen Interaktionen und Praktiken symbolisch markiert sowie relevant oder irrelevant wird.

In den Beobachtungen und Interviews hat sich gezeigt, dass sich beim erlebnispädagogischen Bouldern und Klettern Möglichkeiten zu situativen Aufbrüchen und Subversionen traditioneller Geschlechterkonzepte eröffnen. Dies ist davon abhängig, welche Geschlechtervorstellungen Fachkräfte in expliziten/impliziten Zuschreibungen an die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen richten. Zum Beispiel können Genderzuschreibungen von in diesem Feld Tätigen Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder und Jugendlichen beeinflussen, d. h. einschränken oder erweitern. Mit dem in dieser Studie erzeugten empirischen Wissen über Gender- und Differenzkonstruktionen in der erlebnispädagogischen Praxis können Impulse zu einer genderpädagogischen Reflexion angeregt werden. Sie liefern einen Beitrag zur genderpädagogischen Sensibilisierung und Qualifizierung von (sozial-)pädagogischen Fachkräften im Umgang mit Kindern und Jugendlichen.

Zur Person Ramona Schneider
Nach ihrem Bachelor-Studium in Pädagogik und Ökonomie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg schloss Ramona Schneider ihr Master-Studium an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg in der Erziehungs- und Bildungswissenschaft mit Schwerpunkt Sozialpädagogik ab. Anschließend war sie als pädagogische Fachkraft einer Offenen Ganztagsschule tätig, bis sie 2018 ein Promotionsstipendium der Frankfurt UAS erhielt. Aktuell arbeitet Schneider mit einer halben Stelle als wissenschaftliche Referentin beim Deutschen Jugendinstitut e. V. und nebenbei als Trainerin im Bouldern. Aktuell lebt Schneider in Nürnberg, für neue berufliche Herausforderungen ist sie offen.

Zum Promotionsrecht an Hessischen Hochschulen für Angewandte Wissenschaften
2016 beschloss die hessische Landesregierung als erstes Bundesland, Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW) unter bestimmten Bedingungen ein eigenständiges Promotionsrecht zu ermöglichen. Zuvor gab es schon seit Längerem die Möglichkeit, gemeinsam mit einer Partneruniversität eine sogenannte „kooperative“ Doktorarbeit an einer HAW zu verfassen. Dies ist nach wie vor möglich. Zu den Vorteilen eines eigenen Promotionsrechts zählen die selbstständige Qualitätssicherung der Forschung sowie die fachliche Schwerpunktsetzung: HAW können ihre Expertise in der angewandten Forschung noch besser ausspielen. Neben der Promotionsmöglichkeit im sozialwissenschaftlichen Forschungsbereich sind an Hessischen HAW auch Promotionen in Public Health, im Bereich Ingenieurwissenschaften, in Nachhaltigkeitswissenschaften, in Mobilität und Logistik sowie in Angewandter Informatik möglich.

Das Promotionszentrum Soziale Arbeit wurde am 1. Januar 2017 gegründet bzw. wurde den beteiligten Hochschulen zu diesem Datum das entsprechende Promotionsrecht verliehen. Es ist aktuell mit neun Professorinnen und Professoren der Frankfurt UAS besetzt. Die Promovierenden forschen hier unter anderem in den Bereichen Gender, Diversität, Familie und Jugendarbeit. Das Promotionszentrum, das den akademischen Titel Dr. phil. verleiht, ist eine gemeinsame Einrichtung der Frankfurt UAS, Hochschule Darmstadt, Hochschule Fulda und Hochschule Rhein-Main; die Federführung liegt an der Hochschule RheinMain. 

Weitere Informationen zur Promotion an der Frankfurt UAS unter www.frankfurt-university.de/promotionsfoerderung.

Zentrale WebredaktionID: 3672
letzte Änderung: 07.07.2022