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Im Fokus: Doktorandinnen am Fb 2

Doktorandinnen in Informatik und Ingenieurwissenschaften sind auch im Jahr 2020 noch eher eine Ausnahme als die Regel. Dass am Fachbereich 2 drei der sechs eigens zur Förderung von Promotionen eingerichteten Stellen mit Frauen besetzt sind, ist deshalb eine Erfolgsbotschaft – zumal der Frauenanteil in den Studiengängen des Fachbereichs bei durchschnittlich nur 20 Prozent liegt. Ein guter Grund also, das Thema einmal in den Fokus zu rücken und die drei Doktorandinnen vorzustellen.

„Wir sind sehr stolz auf unsere Doktorandinnen und Doktoranden“, sagt Prof. Dr. Hektor Hebert, Dekan des Fachbereichs. „Mit ihrer Arbeit treiben sie die Forschung in zukunftsweisenden und wirtschaftlich wie gesellschaftlich bedeutsamen Themenfeldern voran. Gleichzeitig zeigen ihre exzellenten Leistungen, dass sich unser Forschungsnachwuchs im internationalen Umfeld selbstbewusst behaupten kann.“ Das Beispiel der drei Promovendinnen hat aus seiner Sicht Leuchtturmcharakter: „Wir sind überzeugt, dass unsere Doktorandinnen ein Vorbild für unsere Studierenden sind, und freuen uns, wenn sie insbesondere Studentinnen inspirieren und motivieren können, den Schritt in die Forschung zu wagen.“

Seit November 2017 besteht an der Frankfurt UAS das Promotionszentrum Angewandte Informatik, eine gemeinsame Einrichtung mit der Hochschule Darmstadt, der Hochschule Fulda und der Hochschule RheinMain. Daneben unterhält der Fachbereich Promotionskooperationen mit den Universitäten in Plymouth und Huddersfield in England sowie Cádiz in Spanien. Im Rahmen solcher Kooperationen promovieren auch die drei Doktorandinnen.

Augmented Reality: Die Wirklichkeit erweitern 

Als erste der drei begann Maike Müller, betreut von Prof. Dr. Dirk Stegelmeyer, Professor für Service Engineering, im Januar 2017 ihre Doktorarbeit an der Frankfurt UAS – in Kooperation mit der University of Huddersfield. Dieser Schritt war so eigentlich gar nicht geplant gewesen: „Nach einer kaufmännischen Ausbildung und einigen Jahren Berufstätigkeit in der Industrie und im Dienstleistungssektor habe ich mir gezielt den Studiengang Service Engineering an der Frankfurt UAS ausgesucht. Die Kombination aus Maschinenbau und Dienstleistung fand ich spannend“, berichtet Müller. „Am wissenschaftlichen Arbeiten habe ich dann Gefallen gefunden und wollte mindestens einen Master machen. Als Herr Stegelmeyer mich im vierten oder fünften Semester auf eine Promotion ansprach, dachte ich allerdings noch, das wäre ein Witz. Ich hatte ja noch nicht mal einen Master.“ Die Teilnahme an einem Meeting mit einem renommierten Forscher aus dem Bereich Service-Transformation brachte Müller jedoch zum Umdenken: „Ich stellte fest, ich kann da mitreden.“ So ermutigt bewarb sie sich statt für den eigentlich anvisierten „Master by Research“ in Huddersfield direkt für das PhD-Programm, in das Absolventinnen und Absolventen mit besonders guten Leistungen auch ohne Masterabschluss aufgenommen werden können – mit Erfolg. Die englischen Studiengebühren kann die Doktorandin seit zwei Jahren durch ein Promotionsstipendium unserer Hochschule abdecken.

Müllers Forschungsthema ist der Einsatz von Augmented Reality, also Erweiterter Realität, in der Industrie: „Ich untersuche, welche Faktoren darüber entscheiden, ob die Implementierung von Augmented Reality im Servicebereich von Industrieunternehmen Erfolg hat“, erklärt sie. „Dabei zeichnet sich ab, dass keinesfalls die Technik das Problem ist. Viel wichtiger sind Fragen wie diese: Binden Unternehmen ihre Mitarbeitenden so ein, dass sie die neuen Arbeitsformen mittragen?“ Motivation schöpft die Doktorandin aus dem starken praktischen Nutzen ihres Themas. „Ich will forschen, aber praxisorientiert“, betont sie. „Das, was ich erarbeite, soll für Unternehmen anwendbar sein.“ Ende 2021 will Müller ihre Promotion abschließen.

Auf der Jagd nach teuren Software-Fehlern

Noch ganz am Anfang stehen hingegen die beiden anderen Doktorandinnen am Fachbereich 2, Sneha Sahu und Fatima Sajid Butt, die in der Informatik in Kooperation mit der Universidad de Cádiz promovieren. Im Auswahlprozess für das „Programa de Doctorado“ an der spanischen Hochschule traten die beiden gegen rund 50 weitere Bewerber/-innen an und gelangten im Ranking unter die besten fünf. Ihre Promotion begannen sie im Dezember 2019.

Sahu hat der Wunsch, ihr Fachwissen zu erweitern, nach Deutschland gebracht: Im Anschluss an ihren Informatik-Bachelor am North Eastern Regional Institute of Science and Technology in Nordindien suchte sie nach einem Master-Studiengang im Bereich Informatik, bei dem, wie sie erklärt, „das Thema Logik im Zentrum stehen sollte“ – und entschied sich für den Studiengang High Integrity Systems an unserer Hochschule. Im Dezember 2018 machte sie ihren Abschluss. „Doch während ich an meiner Masterarbeit schrieb, wurde mir klar, dass ich meine Forschung in diesem Bereich gerne vertiefen wollte“, erzählt sie. Sahus Thema sind Softwarestrukturen: Sie spürt Fehler auf, die sich in einem frühen Stadium der Entwicklung einer Software in die Struktur einschleichen können und deren Behebung später Zeit und Geld kostet. In ihrer Doktorarbeit sucht die junge Informatikerin nach einem Weg, diese sogenannte Verifikation von Software zu automatisieren. Prof. Dr. Ruth Schorr, Professorin für Informatik, Formale Methoden und Mathematik, betreut Sahus Arbeit.

Vor Beginn ihrer Doktorarbeit hatte sich Sahu auch an anderen Hochschulen und Universitäten über Möglichkeiten der Promotion informiert. Für die Frankfurt UAS entschied sie sich unter anderem wegen der Kooperation mit der Universität Cádiz: „Das internationale PhD-Programm eröffnet mir die Möglichkeit, mich ganz unkompliziert mit Forschenden aus anderen Ländern auszutauschen“, sagt sie. „Außerdem sprach mich das Angebot einer halben Promotionsstelle an. Auf diesem Weg kann ich nebenbei als Softwareentwicklerin arbeiten und verliere nicht den Anschluss daran, was sich in der Wirtschaft so tut.“

Industrieanlagen zum Lernen bringen

Zeitgleich mit Sahu trat Butt eine geförderte Promotionsstelle am Fachbereich 2 an. Ihre Forschungsarbeit trägt den Titel „Predictive Maintenance in Industry 4.0 Using Machine Learning” – es geht also darum, wie Anlagen selbst „voraussagen“ können, wann sie gewartet werden müssen. Betreut wird Butt von Prof. Dr. Jörg Schäfer, Professor für Maschinelles Lernen, Objektorientierte Programmierung und Verteilte Systeme, und Prof. Dr. Matthias Wagner, Professor für Softwareengineering, High-Integrity Systems, Measuring Technology and Sensors. „Mich begeistert“, sagt die Doktorandin, „dass mein Forschungsthema so viel Potenzial hat. Die Industrie ist sehr interessiert an Predictive Maintenance, weil sich natürlich viel Geld sparen lässt, wenn Anlagen nur noch bei Bedarf und nicht in einem festgelegten Turnus instandgesetzt werden müssen.“

Butt ist Pakistanerin und schloss in ihrem Heimatland zunächst einen Bachelor in Information Technology ab. Früh entschied sie, wie es für sie weitergehen würde: „Schon im Bachelorstudium wusste ich, dass ich so viel wie möglich lernen und forschen wollte. Deshalb stand auch mein Promotionswunsch fest.“ Den Master-Studiengang High Integrity Systems an der Frankfurt UAS wählte sie aufgrund seines ungewöhnlichen Profils aus. „Als ich dann an meiner Abschlussarbeit im Bereich maschinelles Lernen schrieb, fragten mich Professor Wagner und Professor Schäfer, ob ich nicht Lust hätte, zu einem verwandten Thema – meinem jetzigen Forschungsprojekt – zu promovieren.“

Ausschlaggebend für ihre Zusage war, wie auch für Sahu, die Förderung durch eine halbe Stelle und die Nähe zur Stadt Wetzlar, wo Butt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern lebt. Dass auch sie im Rahmen einer Kooperation mit der Universidad de Cádiz promoviert, empfindet sie als große Bereicherung: „Ich werde gleich von zwei Seiten unterstützt“, sagt sie. „Ganz gleich, ob ich mich an jemanden in Deutschland oder in Spanien wende – ich stoße immer auf Hilfsbereitschaft.“

Müller, Sahu und Butt beweisen, wie grundverkehrt die immer noch weit verbreitete Vorstellung von Informatik und Ingenieurwissenschaften als „Männerdomänen“ ist. Die Promotionsförderung hat Fachbereich 2 in seinen strategischen Leitplanken verankert – leistungsstarke Studentinnen, die in die Fußstapfen der Doktorandinnen treten möchten, können also auch künftig auf Unterstützung setzen.

Zentrale WebredaktionID: 4224
letzte Änderung: 01.05.2018