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"Ich habe gelernt, zu kontern"

Mit dem Projekt „Mentoring Hessen“ fördern die hessischen Universitäten und Hochschulen für Angewandte Wissenschaften Frauen in Wirtschaft und Wissenschaft, um strukturellen Hürden entgegenzuwirken. Die Förderlinie Pro.CareerMINT legt den Fokus auf Studentinnen der MINT-Fächer – Bewerbungen sind auch dieses Jahr noch bis zum 1. Dezember möglich.
Im Interview teilen eine Mentee und ihre Mentorin persönliche Erfahrungen und Einblicke in das Programm: Roxana Tennert, die bald ihren Bachelor in Produktentwicklung und Technischem Design (PED) an der Frankfurt UAS macht, und ihre Mentorin Yvette Mittler, Business Managerin bei Hewlett Packard Enterprise. Neben ihrem Studium sind Roxana die Themen Nachhaltigkeit und Upcycling, Ernährung und Design wichtig. Zum Beispiel hat sie kürzlich aus einem alten Skateboard eine Bank gebaut. Außerdem macht sie gerne Yoga. Yvette hingegen reist gerne und hofft, dass sie ihren „vor Corona“ geplanten Australientrip bald nachholen kann. Einen Ausgleich zum Job findet sie beim Kochen und, als begeisterte Marathonläuferin, auch beim Joggen.

 

Roxana, warum hast du dich für dein Studienfach entschieden?

Bei meiner Entscheidung für PED haben auf jeden Fall meine Eltern eine Rolle gespielt. Meine Mutter ist im kreativen Bereich tätig, mein Stiefvater im technischen, deshalb fand ich es spannend, dass der Studiengang beides vereint. Außerdem waren die guten Berufschancen und Verdienstmöglichkeiten – gerade im Vergleich zu „rein kreativen“ Berufen – ein Argument für mich.

Entsprach das Studium anfangs deinen Erwartungen?

Nicht ganz, ehrlich gesagt hatte ich nicht so einen starken Fokus auf Technik erwartet. In den ersten Semestern musste ich mich zum Teil ziemlich durchbeißen, das Mathematisch-Technische war ursprünglich gar nicht meine Leidenschaft. Aber ich wurde mit jedem Semester besser und habe gemerkt, dass mir das doch ziemlich viel Spaß macht.

Und was schätzt du noch an deinem Studiengang?

Als ich angefangen habe, als studentische Hilfskraft im Labor für Fertigungstechnik zu arbeiten, habe ich mit dem 3D-Druck eine neue Begeisterung entdeckt. Additive Fertigung fasziniert mich seitdem total – und es ist toll, in diesem Bereich all das praktisch anzuwenden, was man gelernt hat. Außerdem mag ich die Atmosphäre im Labor, die vielen netten Leute, die Unterstützung untereinander. Dort treffen Studierende aus ganz verschiedenen Studiengängen aufeinander.
Schön finde ich auch, wie breit gefächert das Studium ist und welche vielfältigen Berufschancen es gibt. Kommilitoninnen und Kommilitonen von mir arbeiten in unterschiedlichen Feldern wie Konstruktion, Fertigung, Entwicklung oder Qualitätsmanagement.

Yvette, kannst du uns kurz deinen beruflichen Hintergrund beschreiben?

Ich habe in den 90er-Jahren Elektrotechnik an der RWTH Aachen studiert. Nach dem Studium habe ich mich bewusst gegen die Forschung und für den Weg in die Wirtschaft entschieden und bei Hewlett Packard im Support angefangen: Sozusagen „mit dem Schraubenzieher in der Hand“ bin ich raus zum Kunden gefahren und habe Server und Massenspeicher repariert. Später habe ich verschiedene Stationen in der Firma durchlaufen und bin inzwischen als Business Managerin für eines der Serviceprodukte von Hewlett Packard Enterprise verantwortlich.

Was macht dir besonders Spaß an deinem Job?

Ganz klar die Zusammenarbeit im Team – es macht mir Spaß, gemeinsam Dinge zum Laufen zu bringen und weiterzuentwickeln.

Erlebt ihr in eurem Studium oder Beruf Herausforderungen, weil ihr in angeblich „typisch männlichen“ Bereichen studiert und arbeitet?

Roxana: Leider ja, und vielen meiner Freundinnen, die auch etwas Technisches studieren, geht es ähnlich. Man hört zum Beispiel immer mal wieder Sätze wie „Frauen sind technisch einfach weniger begabt“. Ein anderes Beispiel: Als ich meinen Praktikumsplatz bei einem großen Unternehmen bekommen habe, hat mich ein Masterstudent gefragt, wie ich das geschafft hätte und meinte, ohne eine Antwort abzuwarten, „Ach, du bist ja eine Frau“.

Yvette: Solche Sprüche gab es auch schon während meines Studiums. Allerdings ist vieles davon an mir „vorbeigerauscht“, weil ich für das Thema nicht so sensibilisiert war.In meiner Anfangszeit im Beruf wurde ich, wenn ich mit bei Kunden am Telefon Termine vereinbaren wollte, oft für die Assistentin gehalten. Heute höre ich ab und an immer noch solche Sprüche, obwohl wir eine gute Unternehmenskultur haben.

Habt ihr Strategien gefunden, um mit solchen Situationen umzugehen?

Roxana: Erst mal sind solche Sprüche natürlich ernüchternd. Aber mir hilft es, Freunde zu haben, mit denen ich darüber reden kann und die mir sagen: „Du weißt, was du kannst!“ Außerdem habe ich gelernt, zu kontern. Oft bekommt man in Situationen in der Gruppe auch Unterstützung von anderen Studierenden, die dann zum Beispiel einen witzigen Spruch zurückgeben.

Yvette: Ja, es hilft, solchen Situationen mit einer Prise Humor zu begegnen und sie nicht zu persönlich zu nehmen. Auch ein derber Konter kann angebracht sein, um zu zeigen: Bis hierher und nicht weiter. Leider ist das immer auch eine Gratwanderung, denn wenn man zu aggressiv auftritt, gilt man gleich als „Zicke“. Aber lieber kontert man einmal zu stark, als eine Grenze gar nicht aufzuzeigen. Gleichzeitig müssen sich allerdings auch strukturell viele Dinge ändern. Das Thema Führung und Teilzeit muss angegangen werden, damit Frauen und Männer gleichberechtigt Berufs- und Elternzeiten vereinbaren können und Frauen nicht so häufig einen Karriereknick erfahren müssen.

Wir sind schon mitten bei einem der Kernthemen des Mentorings. Roxana, warum hast du dich als Mentee beworben?

Zwei Freundinnen, die mit dem Studium schon weiter waren, hatten mir von dem Programm erzählt. Anfangs war mein Ziel, eine Mentorin zu finden, die mein berufliches Interessensfeld abdeckt. Aber dann habe ich gemerkt: Der persönliche Austausch und die emotionale Unterstützung sind für mich viel wichtiger. Yvette versteht mich, gibt mir Tipps, wie ich mit bestimmten Situationen umgehen kann, und ich profitiere von ihren Erfahrungen. Sie hilft mir dabei, herauszufinden, was mir Spaß macht und wo ich hin will – gerade beim Weg vom Studium ins Berufsleben. Total inspirierend ist auch der Austausch mit den anderen Mentees. Bei den Treffen liegt eine schöne Energie in der Luft, weil wir alle vor ähnlichen Herausforderungen stehen.

Und warum engagierst du dich als Mentorin, Yvette?

Als mir eine Kollegin von dem Programm erzählt hat, war ich Feuer und Flamme. Die Erfahrung, immer „exotisch“, immer in der Minderheit zu sein im eigenen Berufsfeld, hat mir gezeigt: Wir müssen junge Frauen dabei unterstützen, diesen Weg zu gehen. Denn nur, wenn wir zu einer kritischen Masse werden, haben wir die Chance, dass sich an der Arbeitskultur etwas ändert. Außerdem ist es mir wichtig, dass Frauen eine gute Ausbildung im MINT-Bereich erhalten und unabhängig von Männern sein können. In technischen Berufen gibt es nun mal höhere Einstiegsgehälter und damit hat man auch einen Einfluss auf eine höhere Rente. Nicht zuletzt erhalte ich als Mentorin spannende Einblicke in die heutige Hochschulwelt und die Mentees geben mir viel Energie.

Was würdest du Frauen raten, die MINT-Fächer studieren und vielleicht auch kurz vor dem Berufseinstieg stehen?

In der Ausbildung – gerade, wenn man dort in der Minderheit ist – kommt man zwangsläufig an den Punkt, dass man zweifelt und sich fragt, ob man auf dem richtigen Weg ist. Und da möchte ich Frauen bestärken: Es ist wichtig, Selbstvertrauen zu haben und sich treu zu bleiben. Und nicht zu sagen „Ich kann das nicht“, sondern „Ich kann das noch nicht“. Für mich ist das eine lebenslanges Thema. Wir können in alles hineinwachsen, so lange wir das Interesse daran mitbringen, ganz egal, welches Geschlecht wir haben. Schließlich sind wir alle mal klein geboren worden.

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Zentrale WebredaktionID: 4224
letzte Änderung: 01.05.2018