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"Ich hoffe, dass unsere Forschung dabei hilft, unnötige OPs zu vermeiden"

Wir alle haben eine, aber die meisten von uns denken wahrscheinlich nie über sie nach: Die Aorta, größte Schlagader unseres Körpers, leitet das Blut aus unserem Herzen in den Blutkreislauf. Zum Problem kann die Aorta werden, wenn sie sich aufweitet – Aneurysma wird solch eine Ausbuchtung genannt – und ihre Wand reißt (Ruptur).

Andreas Wittek hat kürzlich über die menschliche Aorta promoviert. Genauer gesagt: Er hat neue Methoden entwickelt, mit deren Hilfe sich auch ohne eine Operation der Zustand einer menschlichen Aorta beurteilen lässt. Wer den Alumnus der ehemaligen FH Frankfurt deshalb allerdings in der Medizin verorten würde, liegt falsch, denn Wittek ist Maschinenbau-Ingenieur im Bereich der Biomechanik. Neben seiner Forschung ist er als Lehrkraft für besondere Aufgaben am Fachbereich 2 tätig. Im Interview stellen wir den 54-Jährigen und sein Themengebiet vor.


Herr Wittek, ursprünglich hatten Sie nach Ihrem Abitur begonnen, Philosophie zu studieren. Warum haben Sie die Philosophie nach ein paar Jahren an den Nagel gehängt?

Ich hatte zwar Spaß an der Philosophie und habe das Fach gerne studiert, habe aber nach einigen Semestern gemerkt, dass mir die Berufsperspektiven fehlten. Deshalb habe ich begonnen, mich nach einem Studienfach mit mehr Anwendungsbezug umzuschauen.

Und woher kam die 180 Grad-Wendung in Richtung Maschinenbau?

Während des Studiums habe ich mehrere Jahre als Fahrradkurier gearbeitet. Dabei rückte natürlich auch das Fortbewegungsmittel selbst, das Fahrrad, mehr in mein Blickfeld – ich stellte fest, wie viel Freude es mir machte, daran herumzubasteln. Zwischenzeitlich hatte ich sogar den Gedanken, selbst Fahrräder bauen zu wollen. Außerdem hat mir Mathe schon in der Schule Spaß gemacht. Maschinenbau als Studienfach lag also nahe, und vollends überzeugt hat mich dann im ersten Semester die Mechanik.

Warum ausgerechnet die Mechanik?

Es fasziniert mich, wie sich idealisierte Modelle nutzen lassen, um ganz reale Probleme zu lösen. Im klassischen Maschinenbau geht es da zum Beispiel um Bauteile für Anlagen, die so ausgelegt werden müssen, dass sie bestimmten Belastungen standhalten. Und von der Mechanik ist es natürlich kein großer Schritt zur Biomechanik: Methoden, mit denen man etwa die Verformung von Stahl untersucht, lassen sich auch auf den menschlichen Körper anwenden, wobei sich lebendiges „Material“ natürlich etwas anders verhält als unbelebte Stoffe. Je mehr ich mich mit diesem Gebiet beschäftigt habe, desto spannender fand ich es. Zugleich schätze ich, dass es sich um ein Themenfeld mit hohem Sinn handelt – mit großem Potenzial, das menschliche Leben zu verbessern.

Wie kamen Sie zu Ihrem jetzigen Forschungsschwerpunkt?

In meiner Diplomarbeit am Institut für Materialwissenschaften der Frankfurt UAS habe ich mich mit Modellen beschäftigt, mit denen man die Materialeigenschaften von Blutgefäßen beschreiben kann. Anschließend hatte ich die Möglichkeit, im Rahmen des LOEWE-Schwerpunkts „PräBionik – Präventive Biomechanik“ im Teilprojekt von Dr. Blase am Fachbereich Biowissenschaften der Goethe-Uni zu forschen – beteiligt war unter anderem auch die Gefäßchirugie der Frankfurter Uniklinik. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits 4D-Ultraschalltechnik, die neben drei räumlichen Ebenen eine Zeitachse umfasst, aber niemand hatte damit bislang Aorten aufgenommen. Gemeinsam mit unseren Partnern haben wir die 4D-Technik genutzt, um eine neue klinische Bildgebung von Aortenwänden etablieren: Diese Bildgebung ermöglicht es, die durch den Herzschlag bedingte Verformung der Aortenwand zu messen – dreidimensional und lokal für Geweberegionen mit einer Größe von wenigen Millimetern.

Wieso ist es wichtig, zu wissen, wie sich die Wand einer menschlichen Aorta verhält?

Zum einen hilft dieses Wissen Ärzten bei der Diagnose von Krankheiten, bei denen sich die Beschaffenheit der Aorta verändert. Zum anderen konnten wir anhand der Daten einige neue Biomarker – also an lebenden Menschen messbare Kenngrößen – vorschlagen, von denen wir hoffen, dass sich mit ihnen das Rupturrisiko eines Bauchaneurysmas besser als bisher vorhersagen lässt. Dazu muss man wissen: Von Bauchaortenaneurysmen sind in Westeuropa und den USA immerhin drei Prozent der über 65- bis 70-jährigen Männer und weniger als ein Prozent der gleichaltrigen Frauen betroffen. Viele Menschen leben aber ohne Beschwerden mit unerkannten Bauchaortenaneurysmen. Wenn sich der Zustand der Wand des Aneurysmas allerdings verschlechtert und sie einreißt, ist das für die Betroffenen katastrophal, weil sie massive innere Blutungen erleiden. Zugleich ist eine chirurgische Behandlung eines Bauchaortenaneurysmas nicht ungefährlich, deshalb sollte nur bei einem bestehenden Rupturrisiko auch operiert werden.

Welche Wirkung erhoffen Sie sich von Ihrer Forschung?

Ich hoffe natürlich, dass unsere Forschung dabei hilft, unnötige Operationen zu vermeiden und notwendige OPs sicherer zu machen. Toll wäre es, wenn unsere Methoden klinischer Standard werden. Dazu sind allerdings noch weitere klinische Studien nötig, für die wir kürzlich Forschungsgelder beantragt haben.

Forschen bedeutet oft jahrelange intensive Arbeit an einem Thema. Gibt es Aspekte des Forschens, die Sie als besonders herausfordernd empfinden?

Beim Forschen muss man Verzögerungen und Rückschläge verkraften können, denn nicht jede Studie erbringt das Ergebnis, das man sich erhofft hat. Auch die organisatorische Seite kann herausfordernd sein: Drittmittelanträge werden häufig nicht bewilligt. Und schließlich verlangt mein Themengebiet nach interdisziplinärem Arbeiten – wir tauschen uns eng mit Biologinnen und Biologen und Medizinerinnen und Medizinern aus, der Aufbau einer vertrauensvollen Kooperation braucht naturgemäß Zeit. Es dauert, bis alle „dieselbe Sprache sprechen“. Dafür ist die Zusammenarbeit dann umso fruchtbarer.

Und welche Momente machen Ihnen besonders Freude?

Wunderbar ist es natürlich, wenn man länger an etwas geforscht und herumgedacht hat und dann feststellen kann: Es funktioniert wirklich! Daneben macht mir der wissenschaftliche Austausch auf Konferenzen viel Spaß, weil man aus Gesprächen mit internationalen Kolleginnen und Kollegen immer neue Impulse und Blickwinkel mitnehmen kann. Hoffentlich ist dieser Austausch bald auch wieder in Präsenz möglich.

Neben Ihrer Forschung sind Sie bei uns am Fachbereich auch in der Lehre tätig und vermitteln Studierenden zum Beispiel Technische Mechanik. Wie erleben Sie als Absolvent der ehemaligen FH Frankfurt die Lehre?

Dass die Lehre an unserer Hochschule so einen wichtigen Stellenwert hat, war einer der Gründe, warum ich mich damals hier für Maschinenbau eingeschrieben habe. Mir hat gefallen, dass die Professorinnen und Professoren für die Studierende so nahbar und ansprechbar waren. An Universitäten – so meine Erfahrung – sieht man die Professorinnen und Professoren ja hauptsächlich aus der Ferne.
Als Lehrender erlebe ich eine große Spannweite in Bezug auf das Vorwissen der Studierenden. Gerade bei denen, die mit großen Lücken starten, finden sich aber immer wieder junge Leute, die sich mit viel Leidenschaft „durchbeißen“ und am Ende den größten Erfolg haben. Deshalb ist es auch schön, dass die meisten unserer Studiengänge offen sind und wir so vielen Menschen eine Chance bieten können.

Zentrale WebredaktionID: 4224
letzte Änderung: 01.05.2018