Menü

Bericht von Ilka Stauvermann

Spannende Vorträge, Menschen aus der Branche in echt kennenlernen und Standpartys, all das bedeutet die ITB für mich. Aufgrund von Corona-Beschränkungen war die normale Durchführung der Messe dieses Jahr leider nicht möglich, weshalb die Messe online stattgefunden hat. Somit habe ich dieses Jahr eine ITB zwar ohne Standpartys aber trotzdem mit vielen neuen Eindrücken erlebt.

Bereits in meinem ersten Semester habe ich mit meinem Studiengang zusammen die ITB besucht. Daher wusste ich schon ein bisschen, was ich erwarten konnte, obwohl sich ein Online-Messebesuch schon von einem „normalen“ Messebesuch unterscheidet. Dies hatte aber auch Vorteile. Beispielsweise konnte ich allein, weil die räumlichen Distanzen zwischen den verschiedenen Veranstaltungen wegfallen, viel mehr Vorträge besuchen als beim letzten Mal. Außerdem war es praktisch, dass ich zwischen den Veranstaltungen hin- und herwechseln konnte, falls mich die Veranstaltung doch nicht so interessiert hat. Im Gegensatz zu meinem ersten ITB-Besuch im ersten Semester, wusste ich bereits viel besser, welche Themen mich interessieren und was mich in meinem beruflichen Leben bzw. Karriere weiterbringen wird. Ich plane im Bereich der Nachhaltigkeit einen Master zu machen und schließlich auch in diesem Bereich zu arbeiten. Daher habe ich mir vor allem Vorträge zu diesem Thema ausgesucht. Zudem interessiert mich Entwicklungsarbeit und wie man die Tourismusindustrie so gestalten kann, dass sie einen positiven Einfluss auf die Destination und die dort einheimische Bevölkerung hat. Im Hinblick auf den baldigen Abschluss meines Bachelor-Studiums habe ich mir außerdem einen Vortrag zu Masterstudiengängen und Vorträge von Unternehmen, welche ich mir als zukünftigen Arbeitsgeber vorstellen könnte, angehört.

Der erste Tag der ITB, der 09.03., begann mit einem einleitenden Statement von Caroline Bremner, Head of Travel Research, Euromonitor International, zur zukünftigen Entwicklung des nachhaltigen Tourismus und dem weltweiten Tourismus insgesamt: „Es ist nicht das Ende des Massentourismus, sondern es geht hier um Transformation/Veränderung.“.

Die erste Veranstaltung, die ich an diesem Tag besucht habe, wurde von der GIZ (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) gehalten und hieß „German Development Cooperation in the Field of Tourism: An Insight from Experts“. Ich finde die Arbeit dieser Organisation sehr interessant, da sie Projekte auf der ganzen Welt betreut, welche das Ziel verfolgen, mithilfe von Tourismus einen positiven Beitrag in sozialen und ökologischen Aspekten zu erzielen. In dem Vortrag wurden drei aktuelle Projekte der Organisation vorgestellt;

  • 1) Ein Projekt in Südafrika, welches sich damit befasst, dass Naturschutzräume weiterhin ausreichend geschützt werden können und auch vom WildlifeTourismus, welcher dort hauptsächlich betrieben wird, profitieren. Dies wird beispielsweis durch ein umfangreiches Destinationsmarketing erreicht, aber auch durch das Einführen neuer Produkte, wie beispielsweise das KAZA Visa. Dieses soll es dem Reisenden erleichtern, in die Region einzureisen.
  • 2) Durch das Projekt „Hidden Charm of the Balkans” soll die Region um den Trekking und Mountainbike-Trail „High Scardus“ als Tourismusdestination vermarktet werden, um die Touristenankünfte zu erhöhen. Von diesen erhöhten Touristenankünften sollen vor allem die Einheimischen profitieren. Um mehr am Tourismus teilhaben zu können, ist geplant, Einheimische als Tour Guides auszubilden und ihre eigenen Familienunternehmen an die Touristendestination anzubinden. Des Weiteren soll die Digitalisierung der Destination weiter vorangetrieben werden, um die Wettbewerbsfähigkeit der Destination zu steigern.
  • 3) Im Projekt „Promoting sustainable tourism in Tunisia” geht es darum, den Tourismus in Tunesien nachhaltig zu gestalten. Neben der ökologischen Ebene bezieht sich dieses Ziel auch auf die ökonomische Ebene. Tunesien gilt bislang vordergründig als Destination für Strand und Badeurlaub. Dies führt dazu, dass lediglich die Küstenregionen des Landes vom Tourismus profitieren, wobei das Landesinnere ökonomisch vernachlässigt wird. Diese einseitige Entwicklung soll mithilfe einer Diversifizierung des Tourismusangebots so umgewandelt werden, dass der Tourismus für das gesamte Land vorteilhaft ist.

Aus allen vorgestellten Projekten sind allgemeingültige Erkenntnisse erkennbar: um Tourismus nachhaltig gestalten zu können, ist es elementar, dass die Tourismusunternehmen der Destination das gleiche Ziel im Blick haben und sich somit in die gleiche Richtung bewegen. Daher ist es auch naheliegend, dass sich mehrere Projekte und Innovationen zusammentun, da gemeinsam mehr Mittel und Ressourcen zur Verfügung stehen und somit größere Erfolge erzielt werden können. Außerdem ist es hilfreich, Start-Ups mit neuen Ansichten und Ideen zu unterstützen. Insgesamt fand ich den Vortrag sehr interessant, da Projekte mit verschiedenen Fokussen und verschiedenen Problemen als Ausgangspunkte vorgestellt wurden. Es war interessant zu sehen, wie mit den Problemen, welche der Tourismus mit sich bringen kann, umgegangen wird und wie diese Probleme in etwas Positives verwandelt werden können.

Der zweite Vortrag an diesem Tag war für mich die Paneldiskussion der Deutschen Zentrale für Tourismus e.V. (DZT): „Zukunftsszenarien Nachhaltiger Tourismus“. Diese Diskussion befasste sich mit der Entwicklung von Nachhaltigkeit im Tourismus in Deutschland und stand unter der Leitfrage „Wie chancenreich ist Nachhaltiger Tourismus?“. Insgesamt waren drei Gäste eingeladen, welche ihre Projekte und Sichtweisen zu dem Thema mit dem Publikum teilen konnten. Der Erste dieser Gäste war Herr Martin Balaš. Herr Balaš lehrt an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) im Bereich nachhaltige Tourismusentwicklung. Ihm wurde die Podiumsfrage „Bringt Corona Chancen den nachhaltigen Tourismus voranzutreiben?“ gestellt. In seinem Statement dazu erläuterte er, dass dies, seiner Meinung nach, unweigerlich der Fall sein wird. Der Aspekt der Nachhaltigkeit steige in anderen Lebensbereichen wie beispielsweise Ernährung. Dies kann man vor allem bei Discountern sehen, die das Thema Nachhaltigkeit immer weiter in den Vordergrund rücken, um Kundenwünschen zu entsprechen. Da der Wunsch nach Nachhaltigkeit in vielen anderen Bereichen steige, steige er entsprechend auch im Tourismus. Balaš führte den Vergleich zu anderen Lebensbereichen weiter aus, indem er feststellte, dass beispielsweise bei der Lebensmittelproduktion häufig gefragt wird „Unter welchen Bedingungen werden die Produkte hergestellt?“. Genauso solle man sich diese Fragen bei der Herstellung touristischer Produkte stellen. Dort würde Nachhaltigkeit nicht nur gewünscht, sondern auch eingefordert werden. Insgesamt streben alle Betriebe der Tourismusbranche ein nachhaltigeres Handeln an, auch wenn es zu einem geringeren wirtschaftlichen Wachstum führe. Zusammenfassend erklärte Balaš, dass all diese erkennbaren Aktionen innerhalb der Branche für einen Neustart nach der Pandemie sprechen.

Als nächster Gast war Frau Birgit Grauvogel, die Geschäftsführerin der Tourismus Zentrale Saarland GmbH, eingeladen. Sie gab einen Beitrag zu der Frage „Wie wichtig sind Netzwerke beim Aufbau nachhaltiger Angebote?“. Ihrer Ansicht nach, sind Netzwerke beim Aufbau nachhaltiger Tourismusangebote elementar, da sie zu weniger Effizienzverlusten führen. In den meisten Fällen finde man Partner, die das gleiche Ziel vor Augen und möglicherweise bereits einzelne Aspekte des Projektes umgesetzt haben. Bei der Suche nach passenden Partnern sollte das Unternehmen bzw. Projektteam sich fragen „Mit wem können wir welche Themen umsetzen?“. Im Anschluss können Projektkreise gebildet werden, in denen die Partner, abgestimmt zu den verschiedenen Aufgabenbereichen, zusammenarbeiten können. Außerdem solle man bei der Suche nach Kooperationspartnern stets auch vertikal entlang der Production Chain schauen und nicht nur Verbindungen homogener Unternehmen in Betracht ziehen.

Zuletzt wurde Herr Sven-Erik Hitzer vom Bio- & Nationalpark Refugium Schmilka interviewt. Er lieferte Gründe zu der Frage, warum und wie touristische Anbieter konsequent den Weg zur Nachhaltigkeit gehen sollten. Als erstes Argument brachte er an, dass man als nachhaltige Destination bzw. nachhaltiges Unternehmen auf regionale Lieferketten setzen solle. Somit sei man auch in Krisenzeiten abgesichert und stelle seine Produktion sicher. Diese Lieferketten sollten sich jedoch nicht ausschließlich auf Produkte, wie beispielsweise Lebensmittel beziehen, sondern auch auf Dienstleistungen. Als nächstes sei der Reiseweg der Kunden ein wichtiger Aspekt, um seine Destination nachhaltig zu gestalten. Der Reiseweg des Kunden sollte immer im Verhältnis zu dessen Aufenthaltsdauer stehen. Durch die Einführung der Bahnwochen, ein Projekt in Kooperation mit der DB, konnte erreicht werden, dass die Durchschnittsübernachtungsdauer in Schmilka nun bei 4-5 Tagen liegt. Hitzers Meinung nach, müsse das „Herumgejette“ im Tourismus der Vergangenheit angehören. Dies ist ein Aspekt, welcher sich auch global verbessern müsse. Als weiteren Faktor nennt Hitzer die finanzielle Resilienz, welche touristische Akteure berücksichtigen sollten. Das touristische Angebot einer Destination solle nicht über den Preis verkauft und daher auch nicht mit Rabatten beworben werden. Hitzer meint, dass es für die touristischen Erlebnisse und das Erlebnisprogramm, welches der Gast täglich erleben kann, einen fairen Preis gibt, wenn alle Mitarbeiter fair bezahlt werden. Dieser Preis solle kalkuliert werden und unverhandelbar sein. Dies ist ein wichtiger Aspekt, auch damit die Wertschätzung des Kunden für das Erlebnis nicht verloren geht. Die Destination bzw. das Unternehmen bräuchte außerdem das Geld, um weiter in nachhaltige Infrastruktur investieren und diese aufrecht erhalten zu können. Abschließend stellt Hitzer, genauso wie zuvor Frau Grauvogel, fest, dass die Arbeit im Netzwerk essenziell ist. Nachhaltigkeit sei ein Commitment und erfordere eine enge Zusammenarbeit anstatt individueller Einzelarbeit.

Als nächstes an diesem ersten Tag der ITB, hat die UNWTO (UN World Tourism Organisation) mehrere Sprecher aus internationalen Tourismusunternehmen zusammengebracht, um mit ihnen über das Thema ökologische Nachhaltigkeit und entsprechende Konzepte zu diskutieren. Am interessantesten fand ich persönlich den Beitrag von Jeffrey Smith, dem Vizepräsidenten der Hotelgruppe „Six Senses Hotels Resorts Spas“. Smith stellte das umfassende Nachhaltigkeitskonzept der Hotelgruppe dar, dessen Ziel es ist, bis zum Jahr 2022 komplett plastikfrei zu sein. Dieses Ziel soll durch die Erstellung einer Kreiswirtschaft erreicht werden. Mit der Kreiswirtschaft ist gemeint, dass alles was produziert wird, wiederverwendet werden kann. Somit werden in den Hotels der Hotelgruppe Shampoo- und Wasserflaschen recycelt und nach Verwendung wieder in den Produktkreislauf eingebracht. Aber nicht nur innerhalb des Hotels soll nach diesem Modell gearbeitet werden. Auch außerhalb, beispielsweise bei den Lieferanten der Hotels, versucht das Unternehmen eine zirkuläre Wirtschaft zu erreichen. Bei diesem Vorhaben sollen vor allem kürzere Supply Chains eingesetzt werden, damit Reuse-Modelle einfacher einzuhalten sind. Smiths Meinung nach, ist der Weg zur Nachhaltigkeit keine kleine Veränderung, sondern eine fundamentale Verschiebung von Handels- und Denkweisen.

Als weiteren Eindruck der ITB habe ich mir einen Vortrag zur touristischen Nachhaltigkeit in Finnland angesehen. Finnland gilt als eines der momentan weltweit nachhaltigsten Reiseziele. In diesem Vortrag wurde die Vorgehensweise zur Erhaltung und Ausweitung dieses Status von der nationalen DMO (Destinationsmarketingorganisation) Finnlands vorgestellt. Anhand einer Auflistung von Arbeitsschritten konnte der Zuhörer so nachvollziehen, wie die Arbeit in einer nachhaltigkeitsorientierten DMO aussieht. Beachtlich ist, dass bereits 76 Tourismusunternehmen innerhalb Finnlands mithilfe dieses Konzepts sich den Erhalt des nationalen Nachhaltigkeitslabels erarbeitet haben. Das übergeordnete Ziel des Landes ist es, bis 2035 CO²-neutral zu sein, was weit über dem globalen Ziel liegt.

Weitere Vorträge, die ich mir angehört habe, thematisierten unter anderem die touristische Entwicklung der DACH-Region im zukünftigen Verlauf der Pandemie; das Projekt Smart Cities, welches von der EU gefördert wird und Nachhaltigkeit im Städtetourismus vorantreiben soll; und das Problem von Overtourism an der Lübecker Bucht und innovative Mobilitätskonzepte, wie beispielsweise ein Besucher-Management-System, um dieses Problem zu lösen. Des Weiteren habe ich mir einen Vortrag zu Frauen in der Unternehmensgründung im Tourismus angeschaut, in welchem die Frauen ihre persönliche Geschichte von den Erfolgen und Problemen ihrer Unternehmensgründung erzählten. Diesen Vortrag fand ich sehr inspirierend, da er auch einen wichtigen, kritischen Aspekt der weltweiten Tourismusbranche ansprach: Tourismus ist die Branche, in der am meisten Frauen arbeiten, aber trotzdem die Mehrheit der Führungspositionen von Männern besetzt ist.

Insgesamt fand ich den Besuch der virtuellen ITB sehr spannend und bin der Meinung, dass der Besuch der Vorträge mir die Chance gegeben hat, mein Wissen und meine Sichtweise über Nachhaltigkeit im Tourismus zu erweitern. Außerdem haben mich die Eindrücke der vielen verschiedenen Projekte weiter darin bestärkt und motiviert, meine zukünftige Karriere im Tourismus auf den Aspekt der Nachhaltigkeit zu fokussieren.

Webteam Fachbereich 3ID: 9953
letzte Änderung: 19.07.2021