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Resiliente Demokratie: Strategien gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus

Gesprächsreihe „Demokratieforschung im Dialog“ des HMWK war am 16. April 2026 zu Gast an der Frankfurt UAS.

Demokratie steht zunehmend unter Druck – durch rechtsextreme Strömungen, wachsenden Antisemitismus und gesellschaftliche Polarisierung. Wie kann sie dennoch widerstandsfähig bleiben? Diesen Fragen widmete sich die vierte Ausgabe der Gesprächsreihe „Demokratieforschung im Dialog“, die am 16. April 2026 an der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS) stattfand. Unter dem Titel „Resiliente Demokratie. Strategien gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus“ mit Staatsminister Timon Gremmels diskutierten Vertreter*innen aus Wissenschaft, Politik und Studierendenschaft über aktuelle Herausforderungen und mögliche Lösungsansätze. Die Aufzeichnung der Veranstaltung findet sich unter https://www.youtube.com/watch?v=99YJvqZwOS8

Die Reihe des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur (HMWK) bringt Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit zusammen, um Demokratieforschung sichtbar zu machen und den gesellschaftlichen Dialog zu fördern. Die Veranstaltung, an der rund 200 Gäste aus Hochschule und Öffentlichkeit teilnahmen, zeigte eindrücklich, welchen Beitrag Demokratieforschung zur Stärkung demokratischer Strukturen leisten kann – insbesondere im Zusammenspiel mit Bildung, politischer Praxis und Zivilgesellschaft. Moderiert wurde der Abend von Hanning Voigts, Landtags-Korrespondent bei der Frankfurter Rundschau. Mehr zur Veranstaltung in der Pressemitteilung der HMWK.

Demokratie ist kein Zustand – sondern eine Aufgabe
In seiner Begrüßung betonte Hochschulpräsident Prof. Dr. Kai-Oliver Schocke die Rolle von Hochschulen als zentrale Orte demokratischer Praxis: „Demokratie ist kein Naturgesetz. Wenn wir uns ihres Wertes erst bewusst werden, wenn wir sie verloren haben, wird es zu spät sein.“ Hochschulen, so Schocke, schafften durch wissenschaftliche Methodik und überprüfbares Wissen die Grundlage für einen faktenbasierten politischen Diskurs – und seien damit ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Infrastruktur.

Auch Timon Gremmels unterstrich die Dringlichkeit: „Rechtsextremismus und Antisemitismus sind keine Randphänomene, sondern eine echte, reale Bedrohung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt oder auch, kurz gesagt für unsere Demokratie.“ Demokratieforschung fungiere dabei als „Kompass in unruhigen Zeiten“, der gesellschaftliche Spannungen sichtbar mache und Handlungsoptionen eröffne. Gleichzeitig müsse wissenschaftliche Erkenntnis stärker in Politik, Bildung und Zivilgesellschaft wirken. Gremmels betonte, dass die Frankfurt UAS mit mehreren Projekten aktiv in das hessische Programm „Stärkung der Demokratieforschung Hessen“ eingebunden ist und damit zur Entwicklung konkreter Strategien für ein demokratisches und inklusives Zusammenleben beiträgt.

Keynote: Was demokratische Resilienz wirklich bedeutet
In ihrer Keynote eröffnete Dr. Alema Alema, Forscherin am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Frankfurt UAS sowie ehemalige Vize-Friedensministerin Afghanistans, eine internationale Perspektive auf demokratische Resilienz. Aus ihren Erfahrungen in Transformationsprozessen heraus zeigte sie, wie fragil staatliche Strukturen sein können. „Demokratie beginnt nicht nur mit Institutionen, sondern in den Herzen und in den Köpfen der Menschen. Das ist Resilienz. Das gilt auch für Deutschland und das bedeutet nicht nur, äußeren Druck auszuhalten, sondern innere Erosion zu verhindern“, so Alema. „Unsere Demokratien werden heute von innen bedroht durch Extremismus, Rassismus und Desinformation. Was in Afghanistan durch religiösen Fanatismus zerstört wurde, kann auch hier durch politischen Extremismus gefährdet werden. Das Muster bleibt dasselbe: Angst, Ausgrenzung, Feindbilder und die schweigen der Mehrheit als Demokratie. Als Demokratin und Menschenrechtsaktivistin mit Migrationshintergrund sehe ich mit großem Respekt, wie aufmerksam und aktiv die deutsche Zivilgesellschaft auf rechtsextreme Tendenzen reagiert, wie Forschung, Bildung und Initiativen Haltung zeigen. Aber auch hier gilt: Demokratie lebt nur, wenn sie täglich verteidigt und gelebt wird.“

Demokratische Regression und historische Kontinuitäten
Im Zentrum der Veranstaltung stand die Podiumsdiskussion mit Timon Gremmels, Prof. Dr. Michaela Köttig, Prof. Dr. Meron Mendel sowie Tom Gormanns. Deutlich wurde dabei vor allem eines: Demokratieforschung liefert nicht nur Analyse, sondern konkrete Ansätze zum Verständnis und zur Bearbeitung aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen.

Prof. Dr. Michaela Köttig, Professorin für Gesprächsführung, Kommunikation und Konfliktbewältigung an der Frankfurt UAS und Sprecherin des Kompetenzzentrums Soziale Interventionsforschung, stellte das von ihr mitverantwortete Forschungsprojekt im Verbund „Demokratie in der Regression“ (DemoReg) vor. Das interdisziplinäre Forschungsnetzwerk, gefördert durch das HMWK, untersucht mit über 30 Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Disziplinen, inwiefern auch stabile Demokratien unter Druck geraten und welche Gegenstrategien entwickelt werden können. Im von Köttig verantworteten Teilprojekt zu „(micro-)historischen Pfadabhängigkeiten“ wird insbesondere der Frage nachgegangen, wie politische Einstellungen über Generationen hinweg weitergegeben werden. Anhand familiengeschichtlicher Analysen untersucht Köttig, wie sich demokratische und antidemokratische Haltungen in sozialen Räumen – insbesondere in ländlichen Regionen – herausbilden, verfestigen oder verändern.

Antisemitismus im digitalen Raum verstehen
Prof. Dr. Meron Mendel, Professor für transnationale Soziale Arbeit an der Frankfurt UAS und Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, stellte das Forschungsprojekt „Zwischen Like und Hass – Antisemitismus in sozialen Medien“ vor, das in Kooperation mit der Bildungsstätte Anne Frank durchgeführt wird. Es untersucht, wie junge Erwachsene antisemitische Inhalte auf Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube wahrnehmen, einordnen und mit ihnen umgehen. Dabei rückt insbesondere eine bislang wenig erforschte Perspektive in den Fokus: nicht nur die Verbreitung antisemitischer Inhalte, sondern deren Wirkung und Aneignung. Ziel ist es, auf Grundlage qualitativer Interviews und Gruppendiskussionen Bildungs- und Präventionsangebote zu entwickeln, die junge Menschen befähigen, antisemitische Narrative zu erkennen, kritisch zu hinterfragen und angemessen darauf zu reagieren.

Tom Gormanns, Student der Transnationalen Sozialen Arbeit, brachte nicht nur die Perspektive der Studierenden ein, sondern ist zugleich als studentischer Mitarbeiter direkt in das von Mendel geleitete Forschungsprojekt zu Antisemitismus in sozialen Medien eingebunden. Er schilderte, wie stark digitale Plattformen die politische Meinungsbildung seiner Generation prägen und zugleich zur Polarisierung beitragen können: „Man wird in Filterblasen gedrängt und hat kaum noch die Möglichkeit, sich mit anderen Positionen auseinanderzusetzen.“ Gormanns betonte die Notwendigkeit, junge Menschen stärker in demokratische Prozesse einzubinden und ihnen Räume für Austausch und Mitgestaltung zu eröffnen.

Wissenschaft, Praxis und politische Verantwortung
In der Diskussion wurde deutlich, wie eng Forschung, politische Steuerung und gesellschaftliche Praxis miteinander verknüpft sind. Gremmels hob hervor, dass Demokratieforschung eine zentrale Grundlage für politische Entscheidungen darstellt. Gleichzeitig wurde betont, dass wissenschaftliche Erkenntnisse ihre Wirkung erst im Zusammenspiel mit Bildung, Zivilgesellschaft und politischer Umsetzung entfalten.

Ein weiterer zentraler Diskussionspunkt war das Verhältnis von wissenschaftlicher Neutralität und gesellschaftlicher Verantwortung. Gremmels machte deutlich, dass Wissenschaft nicht wertfrei im Sinne von „meinungslos“ sein müsse: Evidenzbasierte Positionierung sei Teil wissenschaftlicher Praxis – solange sie auf dem Boden des Grundgesetzes stehe. Auch von den Forschenden wurde betont, dass eine falsch verstandene Neutralität dazu führen könne, notwendige gesellschaftliche Positionierungen zu vermeiden. Demokratiefähigkeit bedeute daher auch, begründet Stellung zu beziehen.

Im Anschluss an die Diskussion hatten die Gäste die Möglichkeit, selbst Fragen an das Podium zu stellen. Abschließend kamen die Anwesenden zu einem Get-together zusammen, um sich über den Abend auszutauschen.

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letzte Änderung: 23.11.2023