Dieser Frage ist das Lehr- und Forschungsprojekt „GrEAt! – Grey Energy Atlas“ der Frankfurt UAS nachgegangen. Unter der Leitung von Prof. Dr.-Ing. Florian Mähl, Fachbereich 1, untersuchten Studierende mehrere Bestandsgebäude auf dem Campus sowie weitere Gebäude in Frankfurt und Ghent. Im Mittelpunkt standen nicht Heizung, Kühlung oder Beleuchtung, sondern die Umweltwirkungen der Gebäudekonstruktion. Für das Projekt wurden Mähl und sein Kollege Bjorn De Rouck von der Hogeschool Ghent (HOGENT) 2026 mit dem U!REKA „Boldness“-Award ausgezeichnet.
Schon bevor ein Gebäude genutzt wird, müssen Rohstoffe gewonnen und Baustoffe hergestellt werden. Ziegel werden bei hohen Temperaturen gebrannt und auch die Produktion von Beton, Stahl und Glas benötigt Energie. Die dafür eingesetzte nicht erneuerbare Primärenergie bezeichnet der Bericht als graue Energie; die bei der Herstellung entstehenden Treibhausgase heißen graue Emissionen. Alle Gebäude binden diese in ihrer vorhandenen Bausubstanz. Um den Wert bestehender Gebäude vergleichbar zu machen, berechnet das Projekt, welcher Material- und Energieaufwand entstehen würde, wenn ihre Konstruktion heute in gleicher Bauweise neu hergestellt würde. Die Ergebnisse beschreiben also nicht die tatsächlichen Emissionen zur Bauzeit.
Besonders wichtig für den Klima- und Ressourcenschutz ist der Rohbau mit seinen Decken, Stützen, tragenden Wänden und Fundamenten. Auf ihn entfallen bei den untersuchten Gebäuden mehr als die Hälfte und teilweise bis zu 90 Prozent der berechneten grauen Emissionen. Wird ein Tragwerk weitergenutzt, müssen diese Bauteile nicht vollständig neu hergestellt werden.
Gebäude 8 macht den Wert der vorhandenen Bausubstanz deutlich. Es wurde 1916 errichtet, nach schweren Kriegsschäden um 1950 wiederaufgebaut und später erweitert. Seine Stahlbetondecken und massiven Ziegelwände enthalten große Materialmengen. Gerade die Herstellung der Ziegel würde auch heute viel Energie erfordern. Ein Vergleich aus dem Abschlussbericht veranschaulicht die Größenordnung: Die für eine heutige Herstellung der Gebäudekonstruktion berechnete graue Energie entspricht ungefähr der Energiemenge, mit der sich rund 500 Reihenhäuser ein Jahr lang mit Erdgas beheizen ließen. Diese Energie lässt sich nicht aus dem Gebäude zurückgewinnen.
Gebäude 2 erlaubt einen direkten Vergleich zwischen Alt- und Neubau. Der Altbau von 1962 besitzt ein schlankes Stahlbetonskelett und materialsparende Rippendecken. Der 2005 ergänzte Neubau verfügt dagegen über massive Stahlbetondecken, eine aufwendige Gründung und eine zweischalige Glasfassade in der typischen Bauweise der letzten Jahrzehnte. Nach dem Bewertungsverfahren des Atlas fällt für die Konstruktion des Neubaus pro Quadratmeter mehr als doppelt so viel graue Energie an wie für die des Altbaus. Der Vergleich bedeutet nicht, dass die Weiternutzung älterer Gebäude grundsätzlich nachhaltiger ist. Auch ihr Zustand, der Energiebedarf im Betrieb und die Anforderungen an eine künftige Nutzung zählen.
Das Projekt zeigt, wie sich der Wert bestehender Gebäude für den Klima- und Ressourcenschutz erfassen und verständlich darstellen lässt. Die entwickelte Methode soll helfen, die vorhandene Bausubstanz bei Entscheidungen über Sanierung, Weiternutzung oder Abriss stärker zu berücksichtigen. Die untersuchten Gebäude bilden bislang nur den Anfang eines Atlas. Als nächste Schritte wäre eine digitale Plattform möglich, auf der sich Gebäude und Ergebnisse dokumentieren und vergleichen lassen, sowie eine gezieltere Visualisierung der Daten. So könnte der Atlas künftig auch anderen Hochschulen, Städten und Einrichtungen helfen, ihren Gebäudebestand zu bewerten und vorschnelle Abrisse zu vermeiden. Das Projekt GrEAt! ermöglicht zudem den niederschwelligen Einstieg in die Welt der Ökobilanzierung von Gebäuden und findet in der Architekturlehre an der Hochschule rege Anwendung. Es ist auch international anschlussfähig, wie die Kooperation mit dem U!REKA-Netzwerkpartner HOGENT zeigt.
Zum Abschlussbericht: https://fhffm.bsz-bw.de/frontdoor/deliver/index/docId/7051/file/GrEAt_Abschlussbericht.pdf



