Laura-Maria Strehl ist Studentin an der Frankfurt UAS. Sie ist fast blind, engagiert sich als Stadtteilbotschafterin der Stiftung Polytechnische Gesellschaft für mehr Inklusion in der Stadt und möchte mit besonderen Führungen zeigen, wie blinde Menschen Frankfurt erleben. Über ihre Motivation und ihr Engagement spricht sie in unserer Interviewreihe „Besondere Persönlichkeiten“.
Frau Strehl, Sie engagieren sich als Stadtteilbotschafterin der Stiftung Polytechnischen Gesellschaft. Was genau machen Sie dabei?
Ich interessiere mich schon seit vielen Jahren für Frankfurter Stadtgeschichte und habe mich 2016 in die Stadt verliebt. Über eine Umfrage von „Frankfurt Next Generation“ bin ich auf die Stadtteilbotschafter aufmerksam geworden – ein Programm der Stiftung Polytechnische Gesellschaft. Ich fand die Idee großartig, Frankfurt aktiv mitzugestalten.
Relativ schnell habe ich mein eigenes Projekt gestartet: Stadtführungen, bei denen ich Sehenden zeige, wie blinde Menschen die Stadt erleben. Meine erste Führung habe ich im Sommer 2025 angeboten. Inzwischen entwickeln wir das Konzept weiter und wollen künftig stärker zielgruppenorientiert arbeiten – zum Beispiel auch für Menschen, die gerade Deutsch lernen oder Gebärdensprache nutzen.
Was ist das Ziel der Stadtführungen?
Mein Wunsch ist, Barrieren sichtbar – oder besser gesagt: spürbar – zu machen. Ich möchte aufzeigen, an welchen Stellen die Stadt noch barrierefreier werden muss, aber auch, wie viel von der Aufmerksamkeit einzelner Menschen abhängt. Ein einfaches Beispiel: Wenn ich an einer Haltestelle stehe, muss ich oft andere fragen, welche Linie gerade einfährt, weil ich es nicht lesen kann. Es würde schon helfen, wenn jemand von sich aus sagt: „Hier steht die Linie XY.“ Mir geht es darum, Bewusstsein zu schaffen – sowohl für bauliche Barrieren als auch für kleine Gesten im Alltag, die viel bewirken können.
Wie erleben Sie selbst das Thema Barrierefreiheit in Frankfurt?
Frankfurt ist auf einem guten Weg. Viele Haltestellen sind mittlerweile umgebaut, taktile Leitsysteme sind vorhanden. Aber es gibt weiterhin Verbesserungsbedarf.
Ich setze mich beispielsweise dafür ein, dass sogenannte dynamische Fahrgastinformationssysteme flächendeckend installiert werden – also akustische Systeme, die per Knopfdruck Haltestelle, Uhrzeit und nächste Verbindungen ansagen. Gerade an stark frequentierten Orten braucht es solche Lösungen, und sie müssen laut und deutlich genug sein. Ein weiteres Beispiel sind Straßenbahnhaltestellen. Wenn dort die Durchsage kommt: „Ausstieg auf die Straße, bitte den Verkehr beachten“, dann stellen sich mir ehrlich gesagt die Nackenhaare auf. Für sehende Menschen ist das ein Hinweis – für blinde oder stark sehbeeinträchtigte Personen bedeutet es ein reales Sicherheitsrisiko. Man weiß in dem Moment nicht, wie die Verkehrssituation konkret aussieht, ob gerade ein Fahrrad kommt oder ein Auto heranfährt. Solche Ansagen machen deutlich, dass Barrierefreiheit nicht nur bauliche, sondern auch kommunikative Aspekte umfasst.
Sie studierten Public Administration. Hat Ihr Engagement Ihre Studienwahl beeinflusst?
Ja, auf jeden Fall. Ich liebe Frankfurt und freue mich, wenn ich dieser Stadt helfen kann, noch besser zu werden. Deshalb habe ich mich ursprünglich bewusst für ein duales Studium in der öffentlichen Verwaltung entschieden.
Was hat Ihnen bei der ersten Stadtführung besonders viel Freude bereitet?
Ich liebe es, Frankfurt zu zeigen. Gerade Menschen, die neu in der Stadt sind, erleben Frankfurt oft zunächst sehr reduziert – etwa über Schlagzeilen oder einzelne Stadtviertel. Ich versuche, diesem Bild etwas entgegenzusetzen und zu zeigen, wie vielfältig und lebenswert diese Stadt ist. Mich freut es sehr, wenn Menschen nach der Führung sagen: „Darauf habe ich noch nie geachtet – danke, dass du mir das gezeigt hast.“
Wie reagieren Ihr privates Umfeld und Ihre Familie auf Ihr Engagement?
Sehr positiv. Im privaten Umfeld – bei Freunden und Familie – bekomme ich viel Unterstützung. Meine erste Führung war noch eine Art Testlauf, aber jetzt soll es richtig losgehen.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass Barrierefreiheit noch stärker als Selbstverständlichkeit verstanden wird – nicht als Sonderthema, sondern als Teil einer inklusiven Stadtentwicklung.
Und ich hoffe, dass immer mehr Menschen bereit sind, genauer hinzusehen – oder hinzuhören. Denn oft sind es kleine Veränderungen, die große Wirkung haben können.
Vielen Dank für das Interview!
