Forschungspraktikum in Kamerun: Wie offene Geodaten und lokale Zusammenarbeit neue Strukturen schaffen sollen.
Wie erreicht ein Paket sein Ziel, wenn es keine Hausnummern gibt? Wie plant man Schulen, Straßen oder Krankenhäuser, wenn unklar ist, wo und wie viele Menschen überhaupt leben? Und wie kann ein Immobilienmarkt funktionieren, wenn Grundstücke nicht eindeutig identifizierbar sind? Was nach theoretischen Fragen klingt, ist in vielen Teilen der Welt gelebte Realität – etwa in Kamerun. Genau hier setzte ein Forschungspraktikum an, das Bauingenieur-Student Miguel Ureña Pliego aus Spanien im Frühjahr absolvierte. Er macht aktuell sein Auslandssemester an unserer Hochschule.
Ureña Pliego arbeitete zwischen Mitte März und Anfang April 2026 in einem internationalen Projekt, das sich mit der Entwicklung eines Grundstücks- und Adressierungssystems beschäftigt. Dieses wird gemeinsam von der Frankfurt UAS und dem Start-up Smart EFYL aus Deutschland, dem MIT Meida Lab City Science in den USA, der Technischen Universität Madrid (UPM) in Spanien sowie dem Institut Universitaire de la Côte (IUC) in Kamerun durchgeführt. Sein Einsatz führte Ureña Pliego sowohl nach Douala, der größten Stadt Kameruns, als auch in ländliche Regionen – mitten hinein in eine Herausforderung, die grundlegender kaum sein könnte. „Es gibt keine Hausnummern, oft keine Straßennamen – und auch keinen vollständigen Zensus“, beschreibt er die Situation vor Ort. Damit fehlt eine zentrale Grundlage für zahlreiche gesellschaftliche und wirtschaftliche Prozesse.
Die Relevanz dieser Arbeit erklärt auch Prof. Dr. Jonas Hahn, der selbst regelmäßig in afrikanischen Ländern forscht. „Übergeordnetes Ziel ist die Professionalisierung des Grundstückswesens eines Landes mit 30 Millionen Einwohnern“, so der Professor für Immobilienmanagement am Fb 1. Die Qualität des Grundstücksordnungssystems entscheide maßgeblich darüber, ob sich Immobilienmärkte stabil, investitionsfreundlich und sozial ausgewogen entwickeln.
„Dafür braucht es ein funktionierendes Zusammenspiel von Eigentumsrechten, Kataster, Vermessung, Grundbuch und Kapitalmärkten. Fehlt dieser Rahmen, entstehen Unsicherheiten – etwa durch unklare Besitzverhältnisse, Enteignungen oder Doppelverkäufe“, so Hahn. Gleichzeitig seien auch andere Branchen betroffen: Logistik, Postwesen oder Finanzdienstleistungen könnten nur dann effizient funktionieren, wenn Grundstücke eindeutig adressierbar sind.
Für Ureña Pliego wurde im Projekt zudem schnell greifbar, was diese abstrakten Zusammenhänge konkret bedeuten. Denn auch, wenn der Alltag vor Ort ohne Adresse funktioniert, braucht es digitale Infrastruktur bzw. eine Geodateninfrastruktur: Paketzustellungen sind kaum planbar, digitale Dienste nur eingeschränkt nutzbar, und auch staatliche Planung stößt an Grenzen. „Viele Systeme, die wir heute als selbstverständlich ansehen, basieren darauf, dass es ein funktionierendes Adresssystem gibt“, sagt er. Das betreffe nicht nur Navigation oder Lieferdienste, sondern auch grundlegende Fragen wie die Erhebung von Bevölkerungsdaten oder die Planung von Infrastruktur.
Gleichzeitig erlebte er ein Umfeld, das sich nicht auf Defizite reduzieren lässt. Digitale Technologien sind weit verbreitet, Smartphones und soziale Medien gehören zum Alltag der Kameruner*innen. Genau daran knüpft das Projekt an: Ziel ist es, ein flexibles Adressierungssystem zu entwickeln, das auf offenen Geodaten – etwa von OpenStreetMap – basiert und an die lokalen Gegebenheiten angepasst ist. Denkbar sind hybride Lösungen, bei denen digitale Koordinaten mit physischen Markierungen wie Schildern oder QR-Codes kombiniert werden. Perspektivisch könnten daraus auch digitale Modelle von Städten und Dörfern entstehen, die eine fundierte Planung ermöglichen.
Ein zentraler Erfolgsfaktor ist dabei die enge Zusammenarbeit mit lokalen Partnern. Ein Großteil der Projektbeteiligten stammt aus Kamerun selbst – von der Start-up-Initiative über wissenschaftliche Einrichtungen, Forschende bis hin zur lokalen Bevölkerung. Für Ureña Pliego ist das entscheidend: Das System werde nicht von außen „übergestülpt“, sondern gemeinsam entwickelt. „Es ist ein Projekt aus Kamerun – wir unterstützen nur dabei“, fasst er seine Rolle zusammen.
Dass er Teil dieses Projekts wurde, ist auch Ergebnis seines ungewöhnlichen Studienverlaufs. Vor seinem Auslandssemester in Frankfurt verbrachte Ureña Pliego mehr als sechs Monate am Media Lab des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston, wo er in der Forschungsgruppe „City Science“ zu Stadt- und Verkehrsplanung forschte. Dort beschäftigte er sich unter anderem mit der Frage, wie technische Modelle und gesellschaftliche Beteiligung zusammengebracht werden können. „Es geht nicht nur um Technik, sondern auch darum, wie man Menschen einbindet“, sagt er.
Diese Perspektive prägte auch seine Arbeit in Kamerun. Neben technischen Aufgaben wie Vermessungen gehörten daher auch Gespräche mit Behörden sowie Schulungen von Unternehmen und Studierenden zu seinem Alltag. Über knapp drei Wochen hinweg entstand so ein intensiver Austausch zwischen Wissenschaft, Praxis und lokaler Community.
Auch persönlich hat ihn der Aufenthalt nachhaltig geprägt. Es sei seine erste Reise nach Afrika gewesen, und viele Erwartungen hätten sich relativiert. „Ich hatte gedacht, dass alles ganz anders ist – aber vieles ist ähnlich“, sagt er. Kulturell habe er als Spanier sogar mehr Gemeinsamkeiten mit Kamerun als mit Deutschland wahrgenommen. Gleichzeitig habe er erlebt, wie stark viele Lebensbereiche von funktionierenden staatlichen Strukturen abhängen – von stabiler Stromversorgung bis hin zu Bildungszugängen.
Nach seinem Master-Abschluss plant Ureña Pliego, sich weiter in der Forschung zu engagieren, möglicherweise im Rahmen einer Promotion. Das Projekt in Kamerun möchte er dabei nach Möglichkeit fortführen. „Ich hoffe, dass ich weiter daran arbeiten kann – egal, wo ich lande“, sagt er.
Mehr zum Projekt im Video unter: https://youtu.be/Hlz1e9OAwuQ.
