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„Ultralaufen bedeutet für mich, in einen Zustand konzentrierter Klarheit zu kommen.“

Ultraläufer Harald Lange, Prüfungsamt Fb 2 und zuvor Dezernat Digitalisierung, in unserer Interviewreihe “Besondere Persönlichkeiten”.

Er läuft weiter, wenn andere längst stehen bleiben: 246 Kilometer beim Spartathlon, bald 211 Kilometer beim Ultrabalaton. Als fast blinder Ultraläufer kennt Harald Lange (https://www.harry-lange.com/), Mitarbeiter im Prüfungsamt vom Fb 2, zuvor im Dezernat Digitalisierung tätig, körperliche und mentale Grenzerfahrungen – und nutzt sie als Motor. Dabei nimmt er Herausforderungen nicht nur im Sport an, sondern auch im Hochschulalltag. In unserer Interviewreihe „Besondere Persönlichkeit“ erzählt er von Rückschlägen, Selbstdisziplin und der Motivation, sich nicht nur sportlich, sondern auch im Hochschulalltag immer wieder neuen Aufgaben zu stellen.

Sie sind fast blind und Ultraläufer. Wie sind Sie zum Laufen gekommen?
Sport war für mich schon immer selbstverständlich. Als Kind habe ich vieles ausprobiert, doch Leistungssport schien aufgrund meiner Sehbeeinträchtigung oft unerreichbar. Immer wieder hörte ich, bestimmte Disziplinen seien „nicht geeignet“. Über den Kraftsport fand ich schließlich einen Zugang zu strukturiertem Training und bemerkte, dass ich weniger der explosive Typ bin, sondern eher über Ausdauer und Belastbarkeit komme. Mit 28 Jahren begann ich schließlich zu laufen – zunächst ohne großen Plan, einfach aus Neugier. Zehn Kilometer funktionierten überraschend gut, die Grundkondition war vorhanden. Aus anfänglicher Motivation wurde schnell Routine: Ich lief fast ein Jahr lang täglich, bis mich Überlastungsprobleme stoppten. Spätestens da wusste ich, dass in diesem Sport mehr für mich steckt – ich musste nur lernen, ihn professioneller anzugehen.

Vom Marathon zum Ultramarathon ist es ein weiter Weg. Wie kam es dazu?
Nach meinem ersten Marathon – den ich 2011 in 3:33 Stunden lief – war klar, dass mich die langen Distanzen besonders reizen. Ich suchte mir einen Trainer und begann, systematisch zu trainieren. In der Ultralaufszene stößt man früher oder später auf den Spartathlon, eines der anspruchsvollsten Straßenrennen der Welt: 246 Kilometer nonstop von Athen nach Sparta, mit einem strengen Zeitlimit von 36 Stunden. Dieses Ziel ließ mich nicht mehr los. Der Weg dorthin war allerdings von Rückschlägen geprägt – 2018 musste ich bei Kilometer 221 aufgeben, später folgten weitere gescheiterte Versuche. Erst 2025 gelang mir nach intensiver Vorbereitung, inklusive gezieltem Hitzetraining und früher Anreise zur Akklimatisierung, der erfolgreiche Zieleinlauf in 30 Stunden und 26 Minuten. Dieser Moment war weniger Triumph als vielmehr tiefe Erleichterung.

Aktuell bereiten Sie sich auf den Ultrabalaton vor. Was motiviert Sie, sich erneut einer Extremdistanz zu stellen?
Der Ultrabalaton führt über 211 Kilometer rund um den Plattensee – ebenfalls nonstop. Nach dem Spartathlon hatte ich mir eigentlich vorgenommen, vorerst keine Distanzen über 200 Kilometer mehr zu laufen. Doch die Faszination bleibt. Ultralaufen bedeutet für mich, in einen Zustand konzentrierter Klarheit zu kommen. Ab einem bestimmten Punkt geht es nicht mehr um Tempo, sondern um Energieeinteilung, mentale Stabilität und Krisenmanagement. Genau das reizt mich: das permanente Austarieren zwischen Belastung und Kontrolle.

Wie organisieren Sie ein solches Trainingspensum neben dem Berufsalltag?
In intensiven Phasen laufe ich 160 Kilometer oder mehr pro Woche. Das funktioniert nur mit klarer Struktur: frühes Aufstehen, Training vor und nach der Arbeit, kaum Leerlaufzeiten. Zeit ist letztlich eine Frage der Prioritätensetzung. Natürlich ist nicht jede Einheit angenehm – besonders bei schlechtem Wetter oder Müdigkeit. Aber die langfristigen Effekte auf mentale Stärke, Belastbarkeit und Selbstvertrauen wiegen das deutlich auf.

Welche Rolle spielt Ihre Sehbeeinträchtigung dabei?
Mein Gesichtsfeld ist stark eingeschränkt. Ich arbeite viel mit Erfahrung und Wahrscheinlichkeiten, erkenne Muster, orientiere mich an Kontrasten, Geräuschen und bekannten Abläufen. Auf vertrauten Strecken funktioniert das sehr gut, Veränderungen im Umfeld erfordern dagegen erhöhte Aufmerksamkeit. Diese permanente Wachsamkeit kostet Energie, gehört aber für mich selbstverständlich dazu. Im Wettkampf bedeutet das vor allem: maximale Konzentration über viele Stunden hinweg.

Was haben Sie durch das Ultralaufen persönlich gelernt?
Vor allem Geduld. Man kann Probleme auf einer solchen Distanz nicht erzwingen oder ignorieren – man muss sie analysieren und angemessen reagieren. Ultralaufen relativiert vieles. Wer 200 Kilometer bewältigt hat, bewertet kleinere Hürden im Alltag anders. Man lernt, dass Grenzen selten absolut sind, sondern verschiebbar – Schritt für Schritt.

Was würden Sie Menschen raten, die mit dem Laufen beginnen möchten?
Der wichtigste Punkt ist: langsam anfangen. Das Herz-Kreislauf-System passt sich relativ schnell an, Sehnen, Bänder und Gelenke deutlich langsamer. Wer zu schnell steigert, riskiert Überlastungen. Drei bis vier lockere Einheiten pro Woche über mehrere Wochen reichen zunächst völlig aus. Tempo spielt am Anfang keine Rolle – entscheidend ist Regelmäßigkeit. Nach sechs bis acht Wochen kann man die Distanz behutsam erhöhen oder sich ein erstes Ziel setzen, etwa einen Zehnkilometerlauf. Wichtig ist außerdem, auf den eigenen Körper zu hören und nicht Trainingspläne unreflektiert zu kopieren. Laufen ist niederschwellig zugänglich, aber nachhaltiger Fortschritt entsteht durch Geduld.

Vielen Dank für das Interview.

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letzte Änderung: 23.11.2023