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Am Freitag, den 25. Oktober 2019 laden wir ein zum Kongress

"Meditation und die Zukunft der Bildung 2019:
Spiritualität und Wissenschaft"

Unser Kongress 2018 hatte sich mit der Einführung von Achtsamkeit und Meditation im Bildungssystem beschäftigt.

Dieses Mal stellen wir uns der weiter gehenden Frage nach dem Verhältnis von Spiritualität, Meditation und Wissenschaft.

  • Sind Wissenschaft und Spiritualität Gegensätze oder sich ergänzende, komplementäre Erkenntnisweisen? Kann die Perspektive von Meditation und Spiritualität so rational sein wie die von Wissenschaft?
  • Sind Fakten und Werte unterschiedliche Welten?
  • Welches Menschenbild haben wir? Kann sich der Mensch selbst verändern?
  • Brauchen wir für Schule, Studium und Beruf ein neues Persönlichkeitsprofil, um mit den Anforderungen komplexer Systeme besser und gelassener umgehen zu können?
  • Ist die Evolution unseres Bewusstseins denkbar und notwendig für die Gesellschaft der Zukunft?

Erneut haben wir namhafte Expertinnen und Experten für Referate und die abschließende Podiumsdiskussion gewinnen können

Es werden kommen:

  • Michael von Brück
  • Gert Scobel
  • Peter Gottwald
  • Johannes Hoff
  • Nicole Baden

Weiterhin sind aus unserer eigenen Hochschule

  • Gerd Döben-Henisch
  • und Reiner Frey mit Beiträgen vertreten.

„Praxisboxen“ unter dem Motto „Stille und Bewegung“

Alle Kongressteilnehmer haben die Möglichkeit, in zwei separaten, angeleiteten Praxisphasen an einer stillen Meditation und Tai Chi-Übungen teilzunehmen.

Die Teilnahmegebühr für den eintägigen Kongress (10 -18 Uhr) beträgt
69,- Euro inklusive Verpflegung in den Pausen und Getränke.
Für Studierende aller Hochschulen und alle Mitglieder und Angehörige der Frankfurt University of Applied Sciences beträgt die reduzierte Teilnahmegebühr 15,- Euro.

Zum Anmeldeformular

Wir freuen uns,  Sie in Frankfurt begrüßen zu dürfen!

Dr. Reiner Frey | Prof. Dr. Gerd-Dietrich Döben-Henisch | Prof. Dr. Frank E.P. Dievernich

Die einzelnen Beiträge im Detail

Frank E.P. Dievernich gibt einen Überblick über Anspruch und gegenwärtigen Stand des Hochschulprojekts der Persönlichkeitsbildung von Studierenden durch Einführung von Meditation und Selbstreflexion, über dessen Vernetzung mit anderen Hochschulen und über die geplanten nächsten Schritte.

Prof. Dr. Frank E.P. Dievernich ist Präsident der Frankfurt University of Applied Sciences sowie Professor für Organisationsberatung und Coaching am Fachbereich Wirtschaft und Recht. Als Soziologe und Betriebswirt liegen seine Schwerpunkte im Change- und Human Resource Management sowie in  der Frage nach den gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung. Zuvor war es als Manager in der Industrie und der Unternehmensberatung tätig. Er ist ausgebildeter systemischer Businesscoach und Lehrtrainer und verfügt über eine Grundausbildung in systemischer Familientherapie. Meditation und Yoga begleiten ihn theoretisch und praktisch seit Jahren. Er ist zudem Kolumnist der Welt.

Das Buch zum Thema:

Frank E.P. Dievernich / Gerd-Dietrich Döben-Henisch / Reiner Frey:

Bildung 5.0: Wissenschaft, Hochschulen und Meditation.
Das Selbstprojekt 

114 Seiten, Beltz-Juventa 2019 
ISBN:978-3-7799-6051-5

Römische Kirche und europäische Aufklärung haben für eine Trennung von Glauben und Wissen gesorgt. Damit entstand der neue Glaube an das Wissenschaftssystem als alleinigem Garanten des Wissens, während die religiöse und spirituelle Wahrheitssuche als subjektiv und individuell, als vor-rational oder gar irrational gesellschaftlich marginalisiert wurde.

Auf dem Jahrtausende alten Erfahrungshintergrund eines durch meditative Praxis erlangten und gelebten spirituellen Bewusstseins stellt sich heute die Frage nach dessen gesellschaftlicher "Rehabilitation" und - mehr noch - nach  einer (erneuten) Synthese beider Weltsichten.

Moderne Naturwissenschaft beruht auf Theorien und "Gesetzen" und deren Nachprüfbarkeit durch Experimente. Spiritualität ist das Ergebnis eines ebenso experimentellen und erfahrungsbasierten Erkenntnisprozesses in der "Innenwelt" des Bewusstseins, der meditativen Versenkung. Spirituelles Wissen entsteht, genau wie das der Wissenschaft, in Formen fundamentaler "Gesetze", die durch die meditative Versenkung wiedererlebbar und damit nachprüfbar sind.

Beide Zugänge zum Wissen sind ihrem "methodischen" Anspruch nach regel- und hypothesengeleitete, aber zugleich radikal offene Erfahrungsprozesse. Spiritualität und experimentelle Wissenschaften sind zwar zumeist in anderen „Segmenten“ von Wirklichkeit unterwegs, aber dennoch gleichrangige und letztlich gar nicht so sehr voneinander verschiedene Ansätze der Wahrheitssuche und Erkenntnis.

Meditative Weisheit und Praxis geht zudem über die "mentale" Ebene des Denkens weit hinaus, indem der Geist für das geöffnet wird, was wir noch nicht wissen. Damit ist der Weg bereitet für die Herausbildung einer neuen Persönlichkeitsstruktur des Menschen, die gewappnet ist für die Anforderungen von Digitalisierung und immer komplexer werdender gesellschaftlicher Systeme.

Dr. Reiner Frey war langjähriger Kanzler der Frankfurt University of Applied Sciences und ist heute Leiter des lehr- und forschungsorientierten Hochschulprojekts „Persönlichkeit, Reflexion und Gesellschaft“. Persönlichkeitsbildung der Studierenden geschieht mit dem Fokus auf Meditation, Selbstreflexion und philosophisches Denken. Reiner Frey kann auf fast 35 Jahre an eigener Meditationserfahrung mit  buddhistischen Lehrer*innen aus unterschiedlichen Traditionen zurückblicken. Seit 1991 ist er Schüler der aus Korea stammenden und im Westen lebenden Dharma-Meisterin Ji Kwang Dae Poep Sa Nim, Oberhaupt der "Yun Hwa Denomination of World Social Buddhism" (einer Traditionslinie des Mahayana-Buddhismus). In seiner Funktion als "Head Disciple" der Yun Hwa Sangha nimmt er die Aufgaben eines Meditations- und buddhistischen Dharma-Lehrers wahr.
Weiterhin engagiert er sich  in der Deutschen Buddhistischen Union als Mitglied deren Rates.

In einer Zeit der Krisen, die nicht zuletzt auch das bisherige Programm der Bildung an Hochschulen und Universitäten in Frage stellen, muss der Prozess der Aufklärung neu formuliert und weiter gedacht werden. Achtsamkeit erscheint dabei zunächst als erfolgversprechendes und nachweislich hilfreiches Angebot – birgt aber die Gefahr, als weitere Methode der Selbstoptimierung instrumentalisiert zu werden. Meditation dagegen will anderes und mehr. Erst wenn dieses „mehr“ akzeptiert und gefördert wird, können Bildung, Achtsamkeit und Meditation eine nachhaltige Verbindung eingehen und das vorherrschende neuroliberale Paradigma sprengen. Übende, aber auch Hochschulen und Universitäten müssen das Potential und damit die Notwendigkeit erkennen, mit Bildung und Meditation aktiv zu einem umfassenden Transformationsprozess von Körper, Geist und Gesellschaft beizutragen.

Prof. Gert Scobel studierte Theologie und Philosophie in Frankfurt am Main und Berkeley, arbeitete nach dem Volontariat bei HR, WDR UND ARD als Filmautor, Redakteur und Moderator. 2005 wurde er Anchorman des täglichen Magazins „Kulturzeit“ (3sat), 2001-2003 beim ARD-Morgenmagazin. Seit 2009 leitet und moderiert er die interdisziplinäre Sendung  scobel (3sat).  Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet – u.a. zweimal mit dem Grimme-Preis.  Scobel gehört zur Programmleitung des Internationalen Philosophiefestivals Phil.Cologne und ist seit 2016 Honorarprofessor für Philosophie und Interdisziplinarität an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg sowie Mitglied des Direktoriums des ZEV (Zentrum für Ethik und Verantwortung).

Bücher
  • 2008    Weisheit. Über das was uns fehlt (Dumont)
  • 2017    Der fliegende Teppich: Eine Diagnose der Moderne (S.Fischer)
  • 2018    Nicht-Denken: Achtsamkeit und die Transformation von Körper, Geist und Gesellschaft (Nicolai Publishing & Intelligence)

Spiritualität und Wissenschaft – Komplemente oder Gegensätze?

Mögliche Beziehungen zwischen zwei geistigen Traditionen, der Wissenschaft Psychologie und der Zentradition auf ihrem Weg in den Westen werden aufgezeigt. Dazu werden beide Traditionen kurz skizziert und zu Jean Gebsers Lehre von einem Integralen Bewusstsein in Beziehung gesetzt. Mögliche Auswirkungen einer solchen Sichtweise auf beide Traditionen werden diskutiert. Es erscheint eine neue Weise des Umgangs miteinander möglich, die aus beiden Traditionen Impulse erhält. In einem Nachwort wird eine Skepsis laut, der standzuhalten ist.

Prof. em. Dr. Dr. Peter Gottwald war Inhaber des Lehrstuhls für Psychologie mit dem Schwerpunkt Psychotherapie an der Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg. Forschungsschwerpunkte: Psychoonkologie: Versorgungskonzepte, Krankheits-, Therapie-, Rehabilitations-Begleitforschung;  Bewusstseinsforschung: Evolution des Bewusstseins, Tiefen- und Höhenpsychologie, Philosophische (Kultur-)Anthropologie;  Beratungsforschung: Didaktik der Lehre in Beratung / Kurztherapie. Sein Interesse richtet sich insbesondere auf die Verwirklichung des von Jean Gebser so genannten Integralen Bewusstseins. Als Zenschüler steht er seit 1981 in der Tradition der Kamakura Schule der Drei Kostbarkeiten.

Veröffentlichungen zum Thema
  • In der Vorschule einer Freien Psychologie. Forschungsbericht eines Hochschullehrers und  Zenschülers. Oldenburg, 2. Aufl. 1993
  • Integrales Bewusstsein: Wie es zur Sprache – und zur Welt – bringen? Berlin 2012
  • Moderne Spiritualität – die zeitgemäße Aktualisierung des Mystischen. Erfahrungen und Überlegungen im Kontext der Zentradition auf ihrem Weg in den Westen. Berlin (Lit Verlag Dr. W.Hopf) 2010

Es gibt unterschiedlichste Arten und Weisen, den Geist (und den Körpergeist) zu studieren und zu kultivieren. Jeder dieser Ansätze ist ein Weg und jeder dieser Wege wurzelt implizit oder explizit in bestimmten Grundannahmen und Sichtweisen. Diese Grundannahmen und Sichtweisen bilden einen konzeptuellen Raum, in dem sich die Übung bewegt und entfaltet, selbst wenn wir uns bewusst nicht damit befassen, wie unser eigenes konzeptuelles Rahmenwerk beschaffen ist.

Ich möchte in diesem Beitrag vier Grundannahmen präsentieren, die darauf angelegt sind, den Raum unserer Erfahrungswirklichkeit so weit wie möglich zu öffnen. In der Zen-Übung verstehen wir diese vier Annahmen als Bedingungen. Sie sind Bedingungen, die unsere Übung darin verankern sollen, worum es fundamental geht, und sie sind Bedingungen, damit sich unsere Übung transformativ und kraftvoll entfalten kann. Vielleicht können sie auch hilfreich sein, um uns zu orientieren, wenn wir über die kulturelle Dimension unserer Erfahrung sprechen - und über die Entwicklung einer "Integralen Kultur".

Ungan Nicole Baden Sensei ist Dharma-Nachfolgerin von Zentatsu Baker Roshi in der Dharma Sangha Soto Zen Lehrlinie.
Sie praktiziert seit 2001 Zen. Im Jahre 2008 schloss sie ihr Studium als Dipl. Psychologin an der Universität Oldenburg erfolgreich ab. Sie ist auch ausgebildet in der körpertherapeutischen Arbeit Body Mind Centering.
Von 2009 bis 2013 hat sie ihre Zen-Buddhistische Ausbildung im Crestone Mountain Zen Center, in Colorado, USA weitergeführt. Seit 2013 lebt und praktiziert sie im Buddhistischen Studienzentrum Johanneshof. Derzeit ist sie dort neben ihrer Tätigkeit als Seminarleiterin auch für die operative Geschäftsführung verantwortlich.

Die Begriffe 'Rational' und 'Mystik' liegen im Schnittpunkt vieler begrifflicher Koordinatensysteme, die sich allein im europäisch-vorderasiatischen Raum 2500 Jahre oder gar mehr  zurück erstrecken. Heute finden wir uns vor im Schnittpunkt zwischen Aufklärung, empirischen Wissenschaften, Geisteswissenschaften, traditionellen Religionen, ereignisgetakteten Medien,  einem entfesselten Neokapitalismus, und einer modernen Technologie, die unter dem Label 'Digitaler Umbruch' zwischen Verheißung und Entsetzen unseren Alltag grundlegend umgestaltet. Die alten medialen Leitmedien werden kontinuierlich ersetzt durch eine Pluralität von Informationskanälen, die eine Unterscheidung zwischen  realitätsgerechten Nachrichten und Fake-News immer schwerer machen. Was kann in diesem Kontext mit 'Rationalität' gemeint sein, was mit 'Mystik'?
Der Vortrag versucht aufzuzeigen, dass der oft beschworene  Gegensatz zwischen empirischen Wissenschaften und Mystik ein Konstrukt von gestern ist. Rationalität muss  kein Gegensatz zur Mystik sein, vielmehr kann man Mystik als zentrales Moment  der Grundverfassung des Menschlichen sehen und bildet dadurch den eigentlichen Kern jeder Rationalität, die nicht beliebig sein will. Es ist schon jetzt erkennbar, dass die voranschreitende Digitalisierung der Gesellschaft sich ohne Mystik selbst zerlegen wird. Algorithmen ohne das Menschliche sind leer; mit dem Menschlichen sind sie wie ein Zaubertrank, der neue Zukünfte erschließen kann. 

Prof. Dr.phil Dipl.theol. Gerd-Dietrich Döben-Henisch ist emeritierter Professor des Fachbereichs Informatik und Ingenieurwissenschaften der Frankfurt University of Applied Sciences. Seine Schwerpunkte sind ‚Mensch-Maschine-Interaktion', 'Künstliche Intelligenz' sowie das Thema 'Die Zukunft von Mensch und Maschine'. Er unterrichtete verschiedene Themen der Informatik und promovierte in Logik und Wissenschaftstheorie an der LMU in München. Zudem hat er eine vollständige Ausbildung in katholischer Theologie (er war 22 Jahre lang Mitglied des Jesuiten-Ordens) und arbeitete viele Jahre in weiteren Gebieten wie Jugendsozialarbeit, Psychologie, Phonetik, theoretische Linguistik und klassische Philosophie.

  1. Psychosomatik ist die Basis jeder Geistesschulung – Grundlagen für ein nicht-dualistisches Weltbild
  2. Was ist das Ich, das kein Ich ist und doch sich selbst schult?
  3. Sind Gefühle der Einheit „ozeanische Gefühle“ der Regression oder ein „Quantensprung in der Evolution?“
  4. Woher weiß ich, dass ich entrückt bin und nicht verrückt?
  5. Ist Liebe mehr als die zeitweilige Flutung des Blutstroms mit Endorphinen?
  6. Was ist Mitgefühl – Illusion der Gutmenschen oder Grundlage allen Lebens?
  7. Ist „Veränderung“ Selbstzweck? Woher kommen die Maßstäbe für eine Ethik der Verantwortung? Geht es dabei um Selbstverantwortung oder Selbst-Verantwortung?

Diese und ähnliche Fragen sind fundamental für ein rational begründbares Verständnis der Meditation. Es geht um Grundfragen nach dem „Wesen“ des Menschen. Gibt es ein solches, und wenn ja, wie kann das Bewusstsein seine eigene Wirklichkeit erkennen? Stehen Rationalität und Bauchgefühl in einem Gegensatz, sind Gewinnmaximierung und Empathie miteinander vereinbar? Hängt die Zukunft der Menschheit davon ab, dass diese andere Denk-, Gefühls- und Lebensformen entwickelt?

Der Vortrag wird diese und ähnliche Fragen stellen und versuchen, die Wechselwirkungen zwischen möglichen Argumentationsmustern offenzulegen. Ob es Antworten gibt oder überhaupt geben kann, werden wir sehen oder auch nicht.

    Prof. em. Dr. theol. Michael von Brück, bis September 2014 Professor für Religionswissenschaft und Leiter des Studiengangs Religionswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Studium der Evangelischen Theologie, des Sanskrit und der Indischen Philosophie in Rostock, Bangalore und Madras, fünfjährige Dozentur und Studium in Indien. Ausbildung zum Zen- und Yoga-Lehrer in Indien und Japan. Mitglied unterschiedlicher wissenschaftlicher Gremien weltweit, wissenschaftlicher Beirat des Goethe-Instituts und des Verlags der Weltreligionen (Suhrkamp/Insel). Seit 2014 Honorarprofessur an der Katholischen Universität Linz.

    Zahlreiche Publikationen zum Buddhismus, Hinduismus und interkulturellen Dialog, darunter:
    • „Wie können wir leben?“, C. H. Beck (2002);
    • „Zen“, C. H. Beck (2004);
    • „Bhagavad Gita. Der Gesang des Erhabenen“, Verlag der Weltreligionen (2007);
    • „Einführung in den Buddhismus“, Verlag der Weltreligionen (2007);
    • zusammen mit Regina von Brück, „Leben in der Kraft der Rituale“, C. H. Beck (2011); zusammen mit Günter Rager „Grundzüge einer modernen Anthropologie“, Vandenhoeck & Ruprecht (2012);
    • „Weltinnenraum. Rilkes Duineser Elegien in Resonanz mit dem Buddha“, Herder (2015); „Sehen – Verstehen – SEHEN. Meditationen zu Zen-Kalligraphien, Freiburg/München: Karl Alber 2019 (mit Hans Zender).

    Wissenschaft und Spiritualität nach dem Kollaps des Dualismus von Fakten und Werten

    Bereits in den 80er Jahren haben die Philosophen Pierre Hadot and Michal Foucault Forschungsarbeiten zur ‚Philosophie als Lebensform‘ in der griechischen und römischen Antike und zu vormodernen ‚Technologien des Selbst‘ veröffentlicht, die das Thema ‚Spiritualität‘ in einem neuen Licht erscheinen ließen. Es war nicht länger möglich, die Renaissance spiritueller Praktiken in der kalifornischen Selbsterfahrungskultur der 70er Jahre auf ein Modethema zu reduzieren. War doch bereits in der westlichen Antike der Zugang zur Wahrheit an spirituelle Praktiken gebunden, die das Subjekt wissenschaftlichen Erkenntnisstrebens zur kontemplativen Betrachtung der Welt anleiten.

    Vor diesem Hintergrund ist es kein Zufall, dass es im Abendland bis zum 16. Jahrhundert keine ‚Mystik‘ gab: Es gab keine ‚Mystiker‘, weil jeder ernstzunehmende Denker ein ‚Mystiker‘ war - von Platon und Plotin, über die Augustinus bis hin zu Thomas von Aquin, Meister Eckhart und Nikolaus von Kues. Die Kultivierung ethisch fundierter Selbst-technologien (formatio), wissenschaftlicher ‚Disziplinen‘ (scientia) und kontemplative Praktiken (comtemplatio) gehörten untrennbar zusammen. Der Wüsten- und Kirchenvater Evagrius Pontikus war demnach keine Ausnahmeerscheinung, als er im vierten Jahrhundert den Weg zur Erkenntnis als einen Stufenweg beschrieb, der sich in drei Schritten vollzieht: Ethik (praktike), Physik (physike), Mystik (theologike) – Purifikation, theoetische Erleuchtung, Einswerdung. 

    Auch der spätmittelalterliche Philosoph Meister Eckhart stand in dieser Tradition. Dass einige seiner Lehrsätze der ‚Häresie‘ (Ketzerei) verdächtigt wurden, hat allerdings in der Moderne dazu geführt, sein dem Buddhismus verwandtes Denken als ‚exotisch‘ einzustufen.  Erst in jüngster Zeit hat sich diese Einstufung als Irrtum erweisen. Eckhart hatte gute Gründe, sich gegenüber Häresie-Vorwürfen mit dem Argument verteidigen, dass er im Wesentlichen nichts anderes gelehrt habe als sein dominikanischer Ordensbruder und Pariser Vorgänger Thomas von Aquin.  Streng genommen war nicht Meister Eckhart der Häretiker, sondern seine franziskanischen Gegner: Philosophen wie Duns Scotus, die das Denken der Moderne anbahnten, indem sie Wissenschaft und Spiritualität, ‚Vernunft‘ und ‚Offenbarung‘ auseinander zu dividieren begannen.

    Im Lichte der technischen und kulturellen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts hat sich dieser ‚franziskanische‘ Weg als eine Sackgasse erwiesen: Es kann keine rigorose Wissenschaft geben ohne das, was ‚Aristoteles und andere Platoniker‘ als ‚kognitive Tugenden‘ bezeichneten; keine wissenschaftliche Intelligenz ohne das, was Neuro-philosophen wie Thomas Fuchs als ‚emotionale Intelligenz‘ bezeichnen. Wie aber lässt sich die vormoderne Einheit von Wissenschaft und Spiritualität unter spätmodernen Vorzeichen wiedergewinnen? Und wie erklärt sich vor dem Hintergrund der jüngeren Forschung die Differenz zwischen ‚West‘ und Ost‘: zwischen der, in der kalifornische Selbsterfahrungskultur bis heute dominierenden, anti-realistischen Tendenz östlicher Spiritualität, und der kompromisslos realistischen Tendenz vormoderner, westlicher Spiritualität?

    Prof. Dr. Johannes Hoff lebt mit seiner Frau, der Wirtschaftsinformatikerin Professor Sarah Spiekermann-Hoff, im House of Future Thinking  bei Wien. Er ist gegenwärtig Senior Research Associate am van Hügel Institute Cambridge (UK) und Honorarprofessor an der University of Durham. Zuvor war er Professor für philosophische Theologie an der University of London und an der University of Wales, sowie Assistent für Fundamentaltheologie in Tübingen. Seine Veröffentlichungen fokussieren auf die Bedeutung spiritueller und performativer Praktiken für Kunst, Wissenschaft und Philosophie in der Spät- und Vormoderne, und die Bedeutung von "Selbsttechnologien" für die gegenwärtige Technikdebatte.

    Veröffentlichungen

    • Transhumanismus als Symptom symbolischer Verelendung. Zur anthropologischen Herausforderung der Digitalen Revolution. In: Herzberg, Stephan, Watzka, Heinrich (Ed.): Schöne neue Welt, oder was kommt nach dem Menschen?, De Gruyter: Berlin – New York 2019 (im Druck)
    • The Eclipse of Sacramental Realism in the Age of Reform. Re-thinking Luther's Gutenberg Galaxy in a Post-Digital Age. In: New Blackfriars (2018), pp.248-270
    • Spiekermann, S; Ess, C.; Cockelberg, M.; Hampson, P., Hoff, J.: Die gefährliche Utopie der Selbstoptimierung: Wider den Transhumanismus. In: Neue Züricher Zeitung (NZZ, 2017), https://www.nzz.ch/meinung/kommentare/die-gefaehrliche-utopie-der-selbstoptimierung-wider-den-transhumanismus-ld.1301315
    • Die Rückkehr zur Realität: Freundschaft, Politik und Spiritualität in einem post-faktischen Zeitalter. In: Internationale Katholische Zeitschrift Communio 46/3 (2017), 299-312
    • The Analogical Turn. Re-thinking Modernity with Nicholas of Cusa. Series ‘Interventions’. Eerdmans Publishing Company: Grand Rapids  2013
    • Bürger, Künstler, Exorzisten. Wissenschaft, Kunst und Kult in den Spuren Hugo Balls, in: Kultur & Gespenster 13 (2012), 33-62;
    • Leben in Fülle. Schlingensiefs Dekonstruktion der (Post-)Moderne. In: Susanne Gaensheimer (Ed.), Deutscher Pavillon 2011. 54. Internationale Kunstaustellung La Biennale Di Venezia. Venedig: Kiwi 2011, pp.213-223
    • Spiritualität und Sprachverlust. Theologie nach Foucault und Derrida, Schöningh: Paderborn, München, Zürich 1999
    • Magic Machines. Anthropology, Technology and Sacramentality in a Post-digital Age. 2020 (in Vorbereitung).

    Alle Kongressteilnehmenden haben die Möglichkeit, in zwei separaten angeleiteten Praxisphasen (in verschiedenen Räumen) je eine stille Meditation oder Tai-Chi-Übungen kennenzulernen und zu üben.

    • In der ersten Praxisbox bietet Reiner Frey eine geführte stille Meditation im Sitzen an. Am Beginn steht die Fokussierung auf den Atem. Gedanken und  Sinneswahrnehmungen werden achtsam erkannt und immer wieder losgelassen. Der Geist weitet sich.
    • In der zweiten Praxisbox leitet Ungan Nicole Baden Sensei eine stille  Meditation in der Tradition des Soto Zen.
    • In beiden Praxisphasen besteht alternativ die Möglichkeit, die entspannenden und energetisierenden Körperübungen des Tai Chi Chuan kennenzulernen. Die Tai Chi-Lehrer kommen eigens hierfür aus unserer chinesischen Partneruniversität, der Nanjing Tech University.

    Das Kongressprogramm

    Von Bis Programmpunkt Personen
    09:30 10:00 Ankunft Teilnehmende, Registrierung, Kaffee und Getränke  
    10:00 10:15 Begrüßung
    Präsident der Frankfurt University of Applied Sciences
    Prof. Dr. Frank E.P. Dievernich
    10:15 10:45 Was müssen wir glauben, was können wir wissen?
    Zugleich eine Einführung in das Thema des Kongresses
    Dr. Reiner Frey
    10:45 11:30 BILDUNG, NEUROLIBERALISMUS, MEDITATION:
    Das Projekt einer neuen Aufklärung als Transformationsprojekt
    Prof. Gert Scobel
    11:30 12:00 Praxis-Box 1:
    - Geführte stille Meditation (Audimax)
    - Bewegung: Tai Chi (Foyer oder 111/112)
    Dr. Reiner Frey
    N.N. (Tai Chi-Lehrer aus Nanjing/ China)
    12:00 12:30 Spiritualität und Wissenschaft – Komplemente oder Gegensätze? Prof. Dr. Dr. Peter Gottwald
    12:30 13:00 Meditation als transformative Phänomenologie:
    Unsere Erfahrungswirklichkeit studieren
    Nicole Baden
    13:00 13:55 Pause, Mittagessen im Foyer  
    14:00 14:30 Kann Mystik rational sein? Prof. Dr. Gerd-Dietrich Döben-Henisch
    14:30 15:00 Praxis-Box 2:
    - Bewegung: Tai Chi (Foyer)
    - Zen-Meditation (Audimax)
    Nicole Baden
    15:00 15:45 Geistesschulung und moderne Anthropologie:
    Kann sich der Mensch selbst verändern?
    Prof. Dr. Michael von Brück
    15:45 16:15 Kaffeepause / Snacks  
    16:00 16:45 Rückkehr zur Realität: Wissenschaft und Spiritualität nach dem Kollaps des Dualismus von Fakten und Werten Prof. Dr. Johannes Hoff
    17:00 18:00 Podium der Expertinnen und Experten:
    Fazit des heutigen Tages: Müssen/ sollen/ können Bildung und Wissenschaft im Lichte einer "spirituellen Aufklärung" reformiert/ transformiert werden?
    Prof. Dr. Michael von Brück
    Prof. Dr. Dr. Peter Gottwald
    Prof. Dr. Johannes Hoff
    Nicole Baden
    Prof. Gert Scobel
    Moderation:
    Prof. Dr. Gerd Döben-Henisch
    und Dr. Reiner Frey

    Unterstützt wird der Meditationskongress von der Steffen Lohrer Stiftung.

    Veranstaltungsort

    Frankfurt University of Applied Sciences
    Nibelungenplatz,
    Gebäude 4, Audimax und Foyer

    Zeit: Freitag, 25.10.2019, 9:30-18:00 Uhr.

    Kontakt

    Zentrale WebredaktionID: 6509
    letzte Änderung: 17.06.2019