Chiara Welte, Studentin am Fb 4, engagiert sich ehrenamtlich als Sterbebegleiterin. In unserer Interviewreihe „Besondere Persönlichkeiten“ berichtet sie über ihre Tätigkeit.
Chiara Welte ist Absolventin des Bachelor-Studiengangs Soziale Arbeit und studiert aktuell im Master Psychosoziale Beratung und Recht. Besonders interessieren sie dabei Themen rund um zwischenmenschliche Beziehungen, Lebensphasen und der Umgang mit existenziellen Erfahrungen. Sie möchte Menschen besser verstehen lernen und sich für eine offene und unterstützende Gesellschaft einsetzen. Neben dem Studium ist Welte als ehrenamtliche Sterbebegleiterin tätig – über die Bedeutung dieser Tätigkeit berichtet sie in unserer Interviewreihe „Besondere Persönlichkeiten“.
Liebe Frau Welte, neben Ihrem Studium sind Sie unter anderem als Sterbebegleiterin tätig. Wie sind Sie dazu gekommen?
Ich bin eher zufällig auf die Sterbebegleitung bzw. den Hospizdienst aufmerksam geworden, ursprünglich über ein Ehrenamtsangebot, auf das mich eine Kommilitonin aufmerksam gemacht hat. Das Thema hat mich sofort angesprochen, weil ich es wichtig finde, Menschen auch in ihrer letzten Lebensphase nicht allein zu lassen. Mir ist es wichtig, dass Menschen unabhängig von ihrer Lebenssituation würdevoll begleitet werden und sich gesehen fühlen. Außerdem hatte ich bis dato kaum Berührungspunkte, sodass Neugier und der Drang, mich weiterzubilden, auch ein großer Motivationsfaktor waren. Nach einem ersten Informationsgespräch habe ich mich für einen Vorbereitungskurs entschieden – und so hat sich mein Engagement Schritt für Schritt entwickelt.
Was sind dabei aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen?
Eine der größten Herausforderungen ist es, emotional präsent zu sein, ohne sich selbst zu überfordern. Es geht darum, Mitgefühl zu zeigen, aber gleichzeitig eine gewisse innere Stabilität zu bewahren. Außerdem ist jede Begleitung individuell – man weiß nie genau, was einen erwartet, und muss sich immer wieder neu auf die jeweilige Person und Situation einstellen.
Gab es einen besonderen Moment oder ein Erlebnis, das Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Viele Menschen, die ich begleite, sind schon alt. Sie berichten von sehr viel gelebtem Leben und von Ereignissen, die ich nur aus Geschichtsbüchern kenne. Das erfüllt mich mit Demut und Ehrfurcht. Eine Dame mit Demenz, die zu mir meint „Ich frage mich, warum sie die anderen erschossen haben und nicht mich“ und dann sagt „Wer nichts erlebt, hat nichts zu erinnern, aber ich vergesse nur Dinge, die ich nicht vergessen will.“ ist dieselbe Person, die mit einem Lächeln auf den Lippen sagen kann: „Oh, hab‘ ich mal wieder den Faden verloren [Pause, schaut mich an und zuckt die Schultern] ... naja, wird der Pullover eben nicht fertig.“ Das bewegt mich.
Was haben Sie durch Ihre Tätigkeit als Sterbebegleitung für sich persönlich gelernt oder mitgenommen?
Ich habe gelernt, das Leben bewusster wahrzunehmen und viele Dinge nicht mehr als selbstverständlich zu betrachten – eine andere Perspektive auf das Leben. Außerdem habe ich einen anderen Umgang mit dem Thema Tod entwickelt – statt Schwere und Schmerz, Leichtigkeit und Akzeptanz. Die Hospizarbeit hat mir gezeigt, wie viel auch stille Präsenz und Zuhören bewirken kann, sodass ich Stille nun besser aushalte und Aktionismus besser gegensteuern kann.
Welche Reaktionen bekommen Sie aus Ihrem Umfeld – z. B. von Kommilitoni*innen oder Freund*innen?
Viele finden es bewundernswert, aber oft höre ich auch „Uff, ich könnte das ja nicht.“ oder „Warum tust du dir das an?“. Hospizarbeit ist ein Arbeitsfeld, das häufig nicht im Fokus junger Menschen steht, und oft entstehen spannende Gespräche, weil das Thema Tod im Alltag ja eher selten offen angesprochen wird.
Welche Tipps würden Sie anderen mitgeben, die sich in einem ähnlichen Bereich engagieren möchten?
Ich würde empfehlen, sich gut vorzubereiten und sich bewusst zu machen, warum man diesen Weg gehen möchte. Eine fundierte Schulung und regelmäßige Supervision sind sehr wichtig. Es hilft, Berührungsängste aktiv abzubauen, ganz nach dem Motto „Über das Sterben zu sprechen, hat noch nie jemand umgebracht.“ Außerdem sollte man lernen, auf die eigenen Grenzen zu achten und sich die Freude und Leichtigkeit zu bewahren. Und ganz wichtig: Man muss nicht perfekt sein – oft reicht es schon, einfach da zu sein.
Vielen Dank für das Interview!
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