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Think Europe - Europe thinks: "Terrorismus - Wie groß ist die Gefahr für Europa?" mit Prof. Dr. Peter Neumann

Am 15. September 2021 diskutierte Prof. Dr. Peter Neumann, Professor für Sicherheitsstudien am King’s College in London, im Audimax der Frankfurt UAS zusammen mit dem Geschäftsführenden Direktor des CAES Prof. Dr. Dr. Michel Friedman zum Thema „Terrorismus – Wie groß ist die Gefahr für Europa?" in der Reihe „Think Europe – Europe thinks“. Die Veranstaltung konnte parallel im Live Stream des Center for Applied European Studies (CAES) verfolgt werden.

Die Vize-Präsidentin der Frankfurt UAS Prof. Dr. Martina Klärle erinnerte in ihrem Grußwort an die verheerenden Terroranschläge des 11. September 2001. Seitdem versuche man, die Quelle des Terrorismus zu identifizieren und muss sich nun vor dem Hintergrund der Machtübernahme in Afghanistan fragen: „Sind wir gescheitert? Was ist der richtige Weg? Und wie groß ist die Gefahr?“

Gemäß dem Geschäftsführenden Direktor des CAES Prof. Dr. Dr. Michel Friedman rufe Terrorismus große Verunsicherungen in demokratischen Gesellschaften hervor. Da die meisten europäischen Länder nicht in der Lage zu sein scheinen, sich gegen Terrorismus zu verteidigen, stellte Friedman die Frage: „Wie kann sich Deutschland, wie kann sich die Europäische Union verteidigen – und zwar sowohl nach innen als auch nach außen?“ Friedman zeigte sich überzeugt, dass der Terrorismus eines der Kernprobleme des 21. Jahrhunderts – auch innerhalb der EU ­– ist und bleiben wird.

 

 

Im darauffolgenden Vortrag benannte Prof. Dr. Peter Neumann als Ziel des Terrorismus den politischen Effekt, den er hervorrufe, und nicht nur die Zahl der Toten. Terrorismus versuche, die Polarisierung in einer Gesellschaft zu verschärfen, denn nichts wirke hier stärker als ein Akt von Gewalt. Als weiteres Ziel des Terrorismus identifizierte Neumann die Provokation, mit der eine Überreaktion der Gesellschaft und Staatsmacht erreicht werden soll. Auf diese Überreaktion hin werde die Radikalisierung von Menschen erzielt, die sich an die Seite der Terroristen stellen.  

Neumann zeigte zwei mögliche Konsequenzen infolge der Machtübernahme in Afghanistan auf: Die propagandistische Ausschlachtung der Machtübernahme in der terroristischen Szene weltweit, die u. a. auch Einzeltäter anspornen könnte, und ein bürgerkriegsähnlicher Zustand in Afghanistan, zu dem der IS auch absichtlich beitragen würde, um Polarisierung in der Gesellschaft zu bewirken.

Die terroristische Gefahr für Europa habe sich laut Neumann stark geändert, da nach den komplex geplanten Anschlägen bspw. in Paris (Bataclan 2015) die europäischen Sicherheitsbehörden Anschläge mit sehr vielen Toten mittlerweile verhindern könnten. Infolge dessen vermutet Neumann nun eine Strategie des IS, die auf die Akquise von Einzeltätern abziele. Dies sei ein Zeichen der Schwäche des IS, „denn wenn er könnte, würde er weiter solche Anschläge wie 2015 durchführen.“

Neben dem Rechtsextremismus zeigte sich Neumann besorgt hinsichtlich „Corona-Leugnern“ und „Querdenkern“. Es habe sich eine Bewegung gebildet, die viele Menschen mobilisiere. „Diese Bewegung [wird] zwar kleiner insgesamt, aber diejenigen die noch übrig sind, radikalisieren sind […] und sprechen jetzt auch von Gewalt.“ Neumann äußerte die Befürchtung, dass wir hier „in den nächsten zwei, drei Jahren eine Szene bekommen werden, von Leuten, die sehr schwer zu erreichen sind und die gegen unsere Demokratie und gegen unsere Gesellschaft mit Gewalt vorgehen werden.“

Neumann schloss sein Statement mit den Worten ab: „Gefahr für Europa besteht nach wie vor; Gefahr für Europa dadurch, dass Menschen sterben bei Akten von Terrorismus, aber eben auch, dass sich unsere Gesellschaften (…) noch weiter polarisieren und der Raum für Demokratie und die Mitte immer enger wird.“

Friedman thematisierte in der sich anschließenden Diskussion die finanzielle Unterstützung des Terrorismus durch einzelne Staaten, die wie Neumann darlegte, versuchten durch gewisse Stellvertreter Einfluss auf Konflikte zu bekommen. Auf Friedmans Frage nach einer Chance, im Vorfeld in die geistige Brandstiftung von Terroristen einzugreifen, erwähnte Neumann „viele Strategien“, aber „kein Allheilmittel“. Seine Forschung habe jedoch gezeigt, dass Eltern dazu animiert werden sollten, den Einfluss auf ihre Kinder zu nutzen, um diese vom brain washing der islamistischen Terroristen abzubringen.

Laut der Datenbank der University of Maryland entstehe Terrorismus eher dort, wo Bürgerkrieg herrscht, so dass Neumann schloss, dass Terrorismus zwar ein Problem im Westen sei, aber „global betrachtet (…) passieren viel mehr Anschläge in anderen Teilen der Welt.“

Neumann stellte im Verlauf der Diskussion die Narrative des Rechtsextremismus denjenigen des islamistischen Terrors gegenüber und legte die Vermutung dar, dass in Deutschland das rechtsextreme Narrativ an Argumente anknüpfe, die in der Gesellschaft eher verbreitet seien. Linksextremismus interpretierte Neumann nicht als akute und große Bedrohung, u. a. auch da sich gewaltbereiter Linksextremismus eher gegen Dinge als gegen Personen richte. Auch in europäischen Abspaltungsbewegungen (bspw. Katalonien) existiere keine große Gewaltbedrohung für die Gesellschaft. Da Terroristen auf einen „theatralischen Effekt“ abzielten, erwartete Neumann auch im Netz keinen erheblichen Cyberterrorismus. 

Die Publikumsfragen richteten sich auf mögliche Kategorisierungen terroristischer Aktivitäten, lokale Präventionsarbeit und Sensibilisierung, Terrorismusbekämpfung auf EU-Ebene, den Afghanistan-Konflikt und die Evaluation des Erfolgs von Anti-Terrorismus.

Peter R. Neumann ist Professor für Sicherheitsstudien am King's College London. Er ist Gründer, und war langjähriger Direktor, des renommierten International Centre for the Study of Radicalisation (ICSR), ebenfalls am King's College. 2017 diente er als Sonderbeauftragter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) für den Kampf gegen die Radikalisierung. Seitdem berät er u.a. die nordrhein-westfälische Landesregierung zu Sicherheitsfragen und Terrorismusbekämpfung. Neumanns wichtigstes Buch in deutscher Sprache, Die neuen Dschihadisten, erschien 2015 bei Ullstein und war ein Spiegel-Bestseller. Zuletzt  in English erschien: Bluster: Trump's War on Terror (Oxford University Press, 2020). Neumann hat in Berlin und Belfast Politikwissenschaft studiert und am King's College London promoviert. Er stammt ursprünglich aus Würzburg und war vor seiner wissenschaftlichen Karriere Radiojournalist, u.a. bei RTL.

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letzte Änderung: 24.09.2021