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Hilfe ohne Recht darauf.

10 Jahre „Beratungslotsen“ – ein Kooperationsprojekt der FRA-UAS mit dem Gesundheitsamt Frankfurt

Abschlussworkshop zur Gleichzeitigkeit ethischer Dringlichkeit und politischer Instrumentalisierbarkeit bei der Beratung von Menschen ohne Krankenversicherungsschutz

Was mit der Initiative vier Studierender des BA Soziale Arbeit begann, etablierte sich seit ca. 10 Jahren zu einem wichtigen Baustein im Hilfesystem zur Unterstützung von Menschen ohne Krankenversicherung in Frankfurt

Zum abschließenden Fachdialog am 10. Juni 2026 kamen fast 10 Jahre nach der Initiierung der Beratungsstelle „Beratungslotsen“ (ein Kooperationsprojekt des Gesundheitsamtes Frankfurt und der FRA-UAS) 35 Teilnehmende aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern an unserer Hochschule zusammen. Systematisch wurde über die Errungenschaften, die Bedeutung und die Schwierigkeiten und Widersprüche der Arbeit mit prekarisierten Menschen diskutiert. Deutlich wurde, dass vielen Menschen in Frankfurt ohne die humanitäre Arbeit, u.a. der „Beratungslotsen“, ihre Teilhabemöglichkeiten völlig entzogen würden. Deutlich wurde aber auch, dass diese Art von Hilfe ohne ein kodifiziertes Recht darauf zugleich genau Ausdruck ihrer Prekarität ist.

Die Beratung der „Beratungslotsen“ greift lebensweltliche Themen (Aufenthalt, Gewalterfahrungen, Arbeit, Wohnen, Familie, soziales Umfeld u.v.m.) auf, die während der medizinischen Erstversorgung durch die studentische Poliklinik („StuPoli“) angesprochen wurden, und unterstützt Menschen in ihren komplexen Krisen in Verbindung mit dem Ausgangspunkt, dass ihnen ohne Krankenversicherungsschutz Möglichkeiten der Teilhabe am hiesigen Gesundheitssystem erschwert werden oder ganz verstellt bleiben. Ausgehend von einem medizinischen Problem stellen sich im Gespräch schnell viele weitere Schwierigkeiten heraus, die seitens der Beratungslots*innen versucht werden gemeinsam mit den Ratsuchenden zu bearbeiten. Dass diese komplexen Komplikationen aus deren Lebenssituation und Stellung in der Gesellschaft herrühren, zuweilen aber darüber hinaus auch durch sozialadministrative und behördliche Verkomplizierungen im Hilfesystem reproduziert werden, macht die Arbeit der Beratenden besonders wichtig und schwierig zugleich. Neben dem „In Beziehung gehen“ mit Menschen mit oft diffusen Anliegen, verstehen sie sich als parteiliche Übersetzer*innen gegenüber Ämtern im Konflikt um Anerkennung.

Dabei, so lassen sich auch durch die begleitend stattgefundene Situations- und Stakeholderanalyse der Beratung (bestätigt durch angrenzende Studien), häufig multiple und schwerwiegende Lebenskatastrophen jenseits der medizinischen Dringlichkeit (prekäre Arbeit, Wohnungsnot, illegalisierte Aufenthalte) identifizieren, die auf ungewisse Hilfen treffen. Prekäres Leben trifft auf fragile Hilfen.

Im Workshop konnte sowohl mit Hilfe der empirischen Daten als auch im Anschluss daran in den interaktiven Fallkonferenzen mit typischen Fallgeschichten die Schwierigkeit der komplexen und teilweise ausweglosen Arbeit von Betroffenen und Fachkräften qualifiziert werden. Zugleich wurde über die teilweise vorhandenen „Freiheitsgrade“ humanitärer Arbeit und deren dadurch entstehender sekundärer Zugewinn reflektiert, auch für die Nutzer*innen. Aus den Berichten der alltäglichen Arbeit im Workshop ist hervorzuheben, dass neben der Bedeutung der Arbeit für die ratsuchenden Menschen zwei weitere Effekte von besonderer Bedeutung für das Projekt sind. Alle Beteiligten betonten mit Blick auf die sensiblen Situationen mit den Ratsuchenden - viele der beratenen Menschen verfügen über konflikthafte Erfahrungen mit deutschen Behörden und sind demzufolge nicht unmittelbar bereit dazu ihre Lebensgeschichte preiszugeben - den Zugewinn der integrierten Hilfe. Die kurzen Wege, die Niedrigschwelligkeit, besonders aber die ausdrückliche Parteilichkeit der medizinischen Erstversorgung und der Sozialberatung bei „Beratungslotsen“ wie „StuPoli“ sind charakteristisch für die Arbeit. Nicht zuletzt sind diese beiden Orte auch Orte des Lernens für Studierende. Alle Beteiligten machten den transdisziplinären Lernprozess für Studierende der Medizin wie der Sozialen Arbeit als wesentliche Horizonterweiterung ihrer ansonsten stark disziplinär geprägten Fachlichkeit deutlich.

Das Ende der Kooperation zwischen dem Gesundheitsamt und der FRA-UAS ist nicht das Ende dieser wichtigen Arbeit. Die Fortsetzung der Beratungslotsen erfolgt dank der Förderung von nun an seitens der medizinischen Fakultät der Goethe Universität.

Wir danken für diese erstaunliche Zusammenarbeit zuerst:

Ramona Brinkmann (Sozialberaterin der Beratungslotsen)
Petra Tiarks-Jungk (supervidierende Ärztin der StuPoli und Mitinitiatorin der Beratungslotsen)

Unser Dank gilt außerdem den beiden Amtsleitern des Gesundheitsamtes in diesen 10 Jahren, René Gottschalk (2009-2021) und Peter Tinnemann (seit 2021) als Förderern des Projektes

Nicht zuletzt all denen, die in dieser Zeit durch ihre Initiative (Lea Greis, Natalie Meier, Sarah Rolle, Mara Wolter) durch Praktika oder ehrenamtliche Unterstützung zum Gelingen des Projektes beigetragen haben (stellvertretend für die „Stupoli“ Petra Sporerová)

Das Projektteam:
Christian Kolbe, Angelina Pfeil, Nora Röll, Kathrin Schrader

Bildlegende:

von li. nach re.: Dr. Petra Tiarks-Jungk (supervidierende Ärztin der StuPoli); Prof. Dr. Christian Kolbe (Frankfurt University of Applied Sciences); Nora Röll (Projektmitarbeiterin des Instituts für Stadt- und Regionalentwicklung, Projekt „Beratungslotsen“); Angelina Pfeil (Projektmitarbeiterin des Instituts für Stadt- und Regionalentwicklung, Projekt „Beratungslotsen“); Ramona Brinkmann (Sozialberaterin im Projekt „Beratungslotsen“)

Prof. Dr. Christian KolbeID: 12614
letzte Änderung: 24.06.2026