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Fachtag: Frühe Distanzierung junger Menschen vom islamistischen Extremismus

19.05.2022, Gebäude 4 – Audimax, Frankfurt University of Applied Sciences

Im Zuge adoleszenter Suche können junge Menschen auch mit extremistisch-islamistischen Strömungen in Berührung kommen. Doch was trägt dazu bei, dass sich Jugendliche und junge Erwachsene in frühen Phasen einer Einbindung wieder von diesen Szenen abwenden? Erkenntnisse zu dieser kaum erforschten Frage sind von großem Interesse für die präventive Arbeit: sie liefern Anhaltspunkte wie Hinwendungs- und Radikalisierungsprozesse frühzeitig unterbrochen sowie gegenläufige Entwicklungen befördert werden können.

Um sich mit diesen Fragen rund um das Thema ‚frühe Distanzierung‘ zu beschäftigen, wird am 19.05.2022 von 9:30 Uhr bis 16:30 Uhr ein Fachtag an der Frankfurt UAS stattfinden. Im Rahmen des Fachtages wird es darum gehen, zunächst gesellschaftliche Wahrnehmung jugendlicher Hinwendungen zu islamistischen Islamauslegungen zu diskutieren. Daran anschließend werden die Ergebnisse des Forschungsprojekts „Frühe Distanzierungen von radikalen Islamauslegungen. Eine biographieanalytische Untersuchung“ vorgestellt, in dem Biographien von Jugendlichen/jungen Erwachsenen erhoben und ausgewertet wurden, die sich extremistisch-islamistischen Strömungen zugewendet und frühzeitig und ohne professionelle Hilfe wieder von ihnen abgewendet haben. Am Nachmittag werden diese Hinwendungs- und Distanzierungsprozesse aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit (wie Streetwork, Clearingverfahren, politische Bildung) im Rahmen von Workshops beleuchtet und in den jeweiligen Handlungsfeldern kontextualisiert.

Der Fachtag wird von dem Forschungsteam des Forschungsprojekts vorbereitet und durchgeführt. Das Forschungsprojekt ist am Fb 4 – in Kooperation mit dem Kompetenzzentrum für Soziale Interventionsforschung – angesiedelt. Es wird unter der Leitung von Prof. Dr. Michaela Köttig von den Projektmitarbeiterinnen Michaela Glaser (Koordination) und Susanne Johansson durchgeführt und vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) im Rahmen des Programms „Demokratie Leben“ gefördert. Das Projekt war auf drei Jahre angelegt und endet im Juni 2022. Mit dem Fachtag wird das Projekt an unserer Hochschule abgeschlossen.

Die Tagung ist als Präsenzveranstaltung vorgesehen. Entsprechend der Pandemiesituation kann es zu einer kurzfristigen Änderung kommen.

Anmeldeschluss ist der 15.05.2022 | Hier können Sie sich anmelden.

Flyer zur Fachtagung

Programm

Uhrzeit Programmpunkt
09:00 Uhr Ankommen und Check-in
(Bitte denken Sie an Ihren Impfnachweis und einen aktuellen Bürgertest – nicht älter als 24 Stunden)
09:30 Uhr Begrüßung:
Prof. Dr. Susanne Rägle (Vizepräsidentin für Forschung, Frankfurt UAS)
Prof. Dr. Michaela Köttig
9:45-10:30 Uhr Prof. Dr. Ahmet Toprak:
Die jugendkulturelle Dimension des Salafismus. Soziale, gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen
10:30-11:30 Uhr Michaela Glaser und Susanne Johansson:
Vorstellung der Forschungsergebnisse des Forschungsprojekts „Frühe Distanzierungen von radikalen Islamauslegungen“.
11:15-11:45 Uhr Vorstellung der Workshops durch die Referent:innen Katty Nöllenburg, Jan Buschbom, Dr. Jochen Müller, Mehlike Dannemann und Matthias Schmidt.
11:45-13:00 Uhr Mittagspause
13:00-15:00 Uhr Workshopangebote:

Katty Nöllenburg: Wertekonflikte konstruktiv mit Jugendlichen besprechen

Jan Buschbom: Was zur Hölle geht hier vor? – Annäherungen an eine resilienz-pädagogische Haltung zur Arbeit mit Menschen in der Krise

Dr. Jochen Müller: Wie wollen wir leben? – Möglichkeiten und Fallstricke der universellen Islamismusprävention mit Jugendlichen

Mehlike Dannemann: Religiös begründeter Extremismus – Erfahrungen aus der Straßensozialarbeit und Beratungsarbeit in Bremen

Sven-Jonas Martiensen: Die Bedeutung von Ressourcen- bzw. Defizitorientierung für die praktische Arbeit erkennen und reflektieren
15:00-15:30 Uhr Kleine Pause
15:30-16:30 Uhr Prof. Dr. Mirjam Eser Davolio:
Hin- und Abwendungsprozesse von Radikalisierung biographisch-rekonstruktiv einordnen und für die Präventionsarbeit nutzen
16:30 Uhr Check-out

Referent*innen und Beschreibung der Inhalte

Prof. Dr. Ahmet Toprak, Dipl.-Pädagoge, seit 2007 Professor für Erziehungswissenschaft an der FH-Dortmund. Arbeits- und Forschungsgebiete: Migration, Integration, Geschlechterverhältnisse im Kontext der Migration und Salafismus als eine Form der Jugendkultur.

Inhalt der Keynote: Warum finden immer mehr Jugendliche eine erzkonservative Variante des sunnitischen Islam in einem modernen Land attraktiv? Neben den unterschiedlichen Formen des Salafismus werden die sozialen, politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dargestellt, um nachvollziehen zu können, warum in Deutschland geborene Jugendliche sich von salafistischer Ideologie angezogen fühlen. Darauf basierend werden (sozial-)pädagogische und politische Konsequenzen formuliert.

Michaela Glaser, Soziologin M.A., Forschungsschwerpunkte: Rechter & islamistischer Extremismus im Jugendalter, Extremismusprävention, Biografieforschung, wissenschaftliche Begleitforschung. Derzeit koordiniert sie ein Forschungsprojekt zu frühen Distanzierungsprozessen an der Frankfurt UAS und ist zudem im Projekt ‚Monitoring- & Transferplattform Radikalisierung‘ bei der Berghof Foundation gGmbh, Berlin, tätig.

Susanne Johansson, Erziehungswissenschaftlerin; Forschungsinteressen:  Hinwendungs- und Distanzierungsprozesse, Evaluation sowie qualitative Methoden der empirischen Sozialforschung. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt "Frühe Distanzierung von radikalen Islamauslegungen" an der Frankfurt UAS sowie im Projekt "Evaluationsdesigns für Präventionsmaßnahmen" an der HSFK.

Inhalt der Keynote: Das Forschungsprojekt widmete sich aus einer akteursorientierten und biographieanalytischen Perspektive der Frage, wodurch Prozesse früher Distanzierung von extremistischen Szenen und Ideologiefragmenten befördert und unterstützt werden könnenZu diesem Zweck wurden Interviews mit jungen Menschen geführt, die sich eine Zeitlang in salafistischen Gruppen bewegten oder erste Einbindungen bei Hizbut-Tahrir oder in der Furkan-Bewegung zeigten, sich jedoch ohne professionelle Unterstützung wieder distanzierten. Michaela Glaser und Susanne Johansson stellen zentrale Ergebnisse des Projekts vor, in dem auch Empfehlungen für die pädagogische Praxis erarbeitet wurden.

Prof. Dr. Mirjam Eser Davolio, Dozentin an der Zürcher Fachhochschule für angewandte Wissenschaften ZHAW, Departement Soziale Arbeit, Institut für Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe, forscht zu dschihadistischem Extremismus und seit den 1990er Jahren zu Rechtsextremismus sowie zu Migrations- und Integrationsthemen sowie Sozialhilfe und -beratung. Sie hat seit 2015 zwei nationale Studien zu den Hintergründen dschihadistischen Extremismus in der Schweiz geleitet sowie eine weitere Studie zum Aus- und Weiterbildungsbedarf von muslimischen Begleitpersonen geführt. Sie ist Teil des Extremismus-Expertenpools des Sicherheitsverbunds Schweiz und leitet Weiterbildungen von Fachpersonen (Jugendarbeit, Schule, Polizei, Behörden etc.) zur Extremismusprävention. Sie war Mitglied des Beirats des Forschungsprojekts „Frühe Distanzierung von radikalen Islamauslegungen– eine biografieanalytische Untersuchung“.

Inhalt der Keynote: Ausgehend von den Ergebnissen der Studie „Frühe Distanzierung von radikalen Islamauslegungen– eine biografieanalytische Untersuchung“ werden die wichtigsten Erkenntnisse und ihre Bedeutung für die Präventionsarbeit im Extremismusbereich herausgearbeitet und diskutiert. Die mikroanalytische Ebene der Konstellationen adoleszenter Neubewertungen und Distanzierung bildet die Basis für das Formulieren von Empfehlungen im Hinblick auf sozialarbeiterische und pädagogische Interventionen. Ebenso gilt es den "Mehrwert" dieser Forschungsperspektive und ihrer Erkenntnisse im Hinblick auf die Präventionslandschaft insgesamt im gesellschaftlich sensiblen Themenfeld der islamistischen Radikalisierung zu würdigen.

Katty Nöllenburg ist Dipl. Ethnologin, Dipl. Sozialpädagogin und Ausbilderin für Mediation BM ®. Sie leitet seit 2008 das ikm und ist erfahrenes Mitglied des Ausbildungsteams für Mediation. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind die Mediation von werte- und identitätsbasierten Konflikten in Gruppen, Institutionen und Stadtteilen, sowie die Lehrtätigkeit zur Koexistenz von Diversität. Basierend auf dem Anti-Bias-Ansatz versucht sie ihr eigenes Handeln, sowie die Einflussbereiche des ikm diskriminierungskritisch und diversitätssensibel weiterzuentwickeln. Katty Nöllenburg ist zudem die Koordinatorin von „Demokratie leben! St. Georg-Borgfelde-Hamm“.

Inhalt des Workshops: Kurdisch vs. Türkisch; Israel vs. Palästina; es gibt viele internationale und tradierte Konflikte, die übergenerational Jugendliche in Deutschlands Großstädten beeinflussen und beschäftigen. Wir wollen Räume schaffen, in denen im geschützten Rahmen offen über diese weltpolitischen Themen gesprochen werden kann, ohne Spaltung. In den einzelnen politischen/religiösen/ethnischen Communities gibt es fast immer Schlüsselpersonen, die seit Jahren als Insider-Mediator*innen deeskalieren und gute politische Bildung voranbringen. Im Rahmen des Projektes ProViel wurden diese diversen Expert:innen in Hamburg zusammengeführt, ausgebildet und beauftragt, als interreligiöse oder interethnische Duos in Jugendeinrichtungen solche Diskurse zu gestalten. Im Workshop wird sehr praktisch und alltagstauglich von den Erfolgen und dem Scheitern Dialogarbeit berichtet.

Jan Buschbom studierte Geschichte und Politikwissenschaften an der Humboldt Universität zu Berlin (M.A.). Seit 2001 ist er als Pädagoge im Arbeitsfeld destruktive Gruppen tätig. Er hat langjährige Erfahrungen in der Arbeit mit Aussteiger:innen, darunter Kultaussteiger:innen, deviante und radikalisierte Zielgruppen. Schwerpunkt der Arbeit sind Einzel- und Gruppenberatungsprozesse sowie Fort- und Weiterbildungen in seinen Themenbereichen. Anfang 2018 gründete Jan Buschbom iuvenes e.V. zusammen mit Kolleg:innen aus Pädagogik, Prävention und Wissenschaft.

Inhalt des Workshops: Ideologisierung (und Radikalisierung) stellen, wie die Studie "Frühe Distanzierung von radikalen Islamauslegungen" nachdrücklich illustriert, hoch funktionale Äquivalente des Umgangs mit (teils massiven) lebensgeschichtlichen Verwerfungen dar. Sie können (als zum Scheitern verurteilte) "Heilungsversuche" unbewältigter oder akuter Krisen gedeutet werden. Resilienzpädagogik begleitet Menschen bei der Entwicklung von Ressourcen im Umgang mit Krisen. Entlang von Fallbeispielen aus der Arbeitspraxis von iuvenes e. V. werden im Workshop eine grundlegende Haltung in der Annäherung an vulnerable Zielgruppen erarbeitet und diskutiert.

 

Dr. Jochen Müller ist Islamwissenschaftler, Mitbegründer und Co-Geschäftsführer von Ufuq e.V. Der Verein arbeitet zu Pädagogik, politischer Bildung und Prävention in der Migrationsgesellschaft.

Inhalt des Workshops:Welche Themen, Fragen und Konflikte tauchen in der Arbeit mit Jugendlichen auf, die in einem Bezug zu Religion und Religiosität stehen (oder zu stehen scheinen)? Stellen sie möglicherweise Hinweise auf eine islamistische Ideologisierung oder Radikalisierung dar? Oder stehen dahinter ganz andere Fragen und Themen, die Jugendliche bewegen – und denen sich Jugendarbeit widmen sollte, nicht zuletzt, um Jugendliche zu stärken und gegenüber extremistischen Angeboten zu "immunisieren"? Im Workshop stellt Dr. Jochen Müller vom Berliner Träger Ufuq e.V. die pädagogische Arbeit im Bereich der universellen Islamismusprävention vor und diskutiert anhand von Beispielen aus der Praxis, Möglichkeiten des Umgangs mit "problematischen" Positionen und Perspektiven von Jugendlichen.

Mehlike Dannemann ist Systemische Beraterin und befindet sich derzeit in Ausbildung zur Traumapädagogin. Sie arbeitet seit 2013 im Themenfeld Radikalisierungsprävention (u. a. in der politischen Bildungsarbeit, Straßensozialarbeit und Beratungsarbeit) und seit 2015 als Sozialarbeiterin und Beraterin im Verein zur Förderung akzeptierender Jugendarbeit Bremen.

Inhalt des Workshops: Im Rahmen dieses Workshops werden die Teilnehmer*innen in ihrer Wahrnehmung von religiösen und ideologischen Hinwendungsprozessen der jungen Menschen sensibilisiert. Im Fokus steht die Reflexion im Umgang mit Einzelfällen religiöser Hinwendungsprozesse von jungen Menschen. Treten Fachkräfte mit religiös-begründeten, menschenverachtenden und demokratiefeindlichen Äußerungen und/oder Verhaltensweisen in Kontakt, kann es zu Verunsicherungen kommen. Ziel ist es, die Handlungsmöglichkeiten im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe aufzuzeigen und die langjährigen Erfahrungen der Fach- und Beratungsstelle an die Teilnehmer*innen weiterzugeben. Außerdem findet im Rahmen dieses Workshops eine offene Gesprächsrunde zum Thema religiös-begründeter Extremismus statt.

Sven-Jonas Martiensen ist seit 2018 als pädagogischer Mitarbeiter in der Prävention von religiös begründetem Extremismus tätig. Er arbeitet sowohl konzeptionell als auch direkt mit der Zielgruppe. Derzeit studiert er Islamische Religion und Germanistik (Lehramt an Gymnasien).

Inhalt des Workshops: In diesem Workshop erarbeiten wir in einer Übung eines oder mehrere Fallbeispiele aus unserer konkreten Präventionsarbeit. Dabei werden wir uns vor allem mit möglichen Distanzierungsgründen und -hindernissen beschäftigen. Insgesamt fokussieren wir die Praxis der Akteure und ihre Haltungen gegenüber ihren Klient*innen und den Phänomenen von religiös begründetem Extremismus. Abschließen werden wir den Workshop mit einer Reflexionseinheit.

Zentrale WebredaktionID: 10865
letzte Änderung: 29.04.2022